Kurzanleitung
Das Vorhaben: das Thema im Rahmen von historischen Formationen,
symbolischen Ordnungen und Technologien zu bearbeiten. Der Fluchtpunkt:
Das ausgehende zwanzigste Jahrhundert, mit dem Phänomen einer
medial vernetzten Öffentlichkeit.
Bögen Der Bogen dieses Heftes spannt sich von Kundtun als politische
und widerständige Haltung, hin zu einer medial vervielfachten
Form der Messages, die im €ther schwirren. Was bleibt also von
der Politik? Ist es noch möglich, frei und wagemütig zu sprechen?
Die Antwort lautet, daß die althergebrachten aufgeklärten Formen
politischer Artikulation ausgedient haben. Ganz einfach und
ohne große Wehmut. Die Peinlichkeit des sprechenden Helden,
der alles aufs Spiel setzt und seine Wahrheit spricht und damit
die Welt verändert und die tobende Masse eint, ist lediglich
auf Video erhältlich. Die aufklärerische Hoffnung des "Mund
aufmachens", des Aufbegehrens, ist den veränderten Formen des
vermittelten Sprechens nicht gewachsen. Kurz: Die klassische
Harmonie zwischen Form und Inhalt ist total gestört. Kein Empfang
möglich für Megaphone auf Kundgebungswagen. Die Techniken schießen
sich am Inhalt vorbei, der voll daneben dasteht und noch was
von Revolution und Heldentum und Freiheit stammelt. Dilemma,
Dilemma. Den Inhalt sollte man eben nicht von seinen Formen
der †bermittlung und Verpackung trennen. Da dies nun aber bereits
geschehen ist, ergeben sich drei Möglichkeiten: erstens, die
Formen zurückbeamen und dem stammelnden Inhalt unterm Arm greifen
(schlechte Wahl). Zweitens, den Inhalt mit neuen Antrieb ausstatten
und die Form einholen (sowas dauert lange und damit ist der
Vorsprung der Form nicht mehr wettzumachen). Drittens: auf die
Form setzen und dem Gesetz der Form folgen, das besagt, daß
sich ein Inhalt aus der jeweiligen Form bildet. Die dritte Antwort
gewinnt bis auf weiteres den Preis der Jury, dem bereits der
Slogan "die €sthetik des Widerstandes" vorauseilt, ohne jeglichen
Bezug zu Peter Weiß oder sonstwas, nur frei flottierende Form,
die wirkt. Verstrickungen und Strickmuster Kundtun klingt nach
Mittelalter. Kund kommt von kennen und können. Der Kunde war
einerseits Zeuge/Künder, der aufgrund eines bestimmten Wissens
Dinge an- oder verkünden konnte und andererseits Bekannter,
den mensch (er)kannte - aktive und passive Bedeutung stehen
nebeneinander. Der Bekannte wird im Laufe der Neuzeit zum Wirtshausgast,
um schließlich im Käuferkreis aufzugehen. Die Transformation
des aufgeklärten Bürgers zum plappernden Konsumenten erscheint
somit - zumindest aus etymologischer Sicht - als eine Art Deja-vu,
ein Erlebnis, welches laut Psychoanalyse häufig im Zusammenhang
mit Neurosen, wie dem Zwang zum Kundtun, auftritt ... Das vorliegende
Heft ist folglich als neurotische Verdoppelung zu lesen: Nicht
genug, daß jede Zeitschrift, so auch diese, per se Aus-druck
eines Drangs zum Verkünden ist; sinn-haft stellt Formen und
Inhalte dieser Praktiken auch noch zur Diskussion. Kundtun weist
auf das Sprechen als Handlung hin, zu Wort kommen, bedeutet
seit der Aufklärung sich als Subjekt zu setzen und schreibt
sich seit der Französischen Revolution in spezifische politische
Aktionsformen ein - politische Öffentlichkeit entsteht durch
die Verbindung von Sprechen und Handlung. Die primäre Ressource
des politischen Subjekts ist also seine Kommunikations- und
Handlungsfähigkeit. Das kollektive Sprechen, die demonstrierende
Masse führt zur Willensbildung, alle sollen/müssen nun sprechen
dürfen. Die aufgeklärte Menge nimmt den öffentlichen Raum, die
Straße, in Besitz. Hier wird der Redner zu einer Hauptfigur
des Bürgertums, er repräsentiert die Masse. Parallel zum öffentlichen
Raum entsteht das Private - die Trennung von Öffentlich und
Privat ist die Voraussetzung der Konstitution des Mannes zum
Bürger. Die Frau hingegen behält die Moral und übernimmt die
"Seelenökonomie" des Mannes, damit er als vernünftiges Individuum
erstrahlt. Dieses vernünftige Individuum ist nun also Herr seiner
selbst, doch der neu erworbene Status setzt die Unterwerfung
des Selbst voraus: ohne Selbstdisziplinierung und Normierung,
ohne Unterordnung dem Allgemeinen kein Besonderes (ohne Fleiß
kein Preis). Das Recht auf Mitsprache wird bald an eine zusätzliche
Pflicht, die Wehrpflicht geknüpft, deren Einführung die Konstrukte
Bürger, Soldat und Nation vereint. Widerstand Die Verschiebung
der Kräfteverhältnisse durch die Bourgeoisie, die Entmachtung
des Adels war an die Eroberung eines Sprache-Wissen-Systems
gebunden, an die Entdeckung der eigenen Geschichte (Subjektstatus)
sowie an ein Wissen um historische Kämpfe - denn ab einem bestimmten
Zeitpunkt werden die Kämpfe nicht mehr mit Waffen, sondern mit
Wissen entschieden. Die Ideen und Mobilisierungspraktiken der
Französischen Revolution behalten für die nächsten zweihundert
Jahre europäischer Geschichte Modellcharakter, sowohl für die
Arbeiter- als auch für die Frauenbewegung. Widerstand wird in
ähnlichen Mustern gedacht und geleistet, und das obwohl Machtverhältnisse
auf immer subtilere Weise wirksam werden und mögliche Angriffspunkte
(scheinbar?) verschwinden lassen. Nichtsdestotrotz wird der
Subjektstatus nach bürgerlichem Modell weiterhin von verschiedenen
Gruppen eingefordert. Konzepte des Kundtuns klammern sich immer
wieder an den Mythos Moderne, wie etwa unterschiedlichste Demonstrationen
zeigen. Das Infragestellen dieses Mythos im Zuge der Postmoderne
stellte jedoch auch das klassische Kundtun in Frage, welches
ja bereits durch das Aufkommen moderner Technologien, wie Rundfunk
und Fernsehen, völlig neue Voraussetzungen und Funktionen erhielt.
Ohne Eisenbahn und Rundfunk wären beispielsweise die Massenmobilisierungen
in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht denkbar gewesen.
Somit ist die Frage zu stellen, ob sich das aufgeklärte widerständige
Kundtun so einfach auf die Gegenwart übersetzen läßt. Gespenster
Das mediale Bild von Politik gilt nun als "wirkliche Politik"
und politische Öffentlichkeit wird zunehmend mit Medienöffentlichkeit
gleichgesetzt. Diese Entwicklung impliziert gleichzeitig ein
Schwinden von politischer Öffentlichkeit sowie die Entpolitisierung
politischer Subjekte als KonsumentInnen und ZuschauerInnen.
Politik wird auf wenige AkteurInnen reduziert, sie gibt sich
intimisiert und an bekannte Personen gebunden. Es geht also
vordergründig um persönliche und stilistische Darstellungen,
Politik wird zum Theater. Das Verlangen nach Partizipation hat
sich verlagert in ein Verlangen nach Spektakel, man partizipiert
indem man zusieht. Ab und zu redet man auch mit, dieses Sprechen
ist aber nicht mehr an eine Handlung geknüpft. Ein paar neue
(?) Kundtuns-Modelle spuken durch Köpfe und Drähte, irgendwie
hängt jedoch alles in der Schwebe - kein Wunder, wenn sich Räume
ohne Boden auftun. Von Dekonstruktion Provokation, Verwirrung,
Queering, Kommunikationsguerillia, Spaßkultur ist die Rede.
Und von Ausweitung der Kampfzone. Bleibt nur noch die freie
Marktwirtschaft und Sexualität als Feld der Auseinandersetzung?
Und wie war das gleich mit dem Politischen?