sinn-haft [nr] 6: kundtun


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Kurzanleitung

Das Vorhaben: das Thema im Rahmen von historischen Formationen, symbolischen Ordnungen und Technologien zu bearbeiten. Der Fluchtpunkt: Das ausgehende zwanzigste Jahrhundert, mit dem Phänomen einer medial vernetzten Öffentlichkeit.

 

Bögen Der Bogen dieses Heftes spannt sich von Kundtun als politische und widerständige Haltung, hin zu einer medial vervielfachten Form der Messages, die im €ther schwirren. Was bleibt also von der Politik? Ist es noch möglich, frei und wagemütig zu sprechen? Die Antwort lautet, daß die althergebrachten aufgeklärten Formen politischer Artikulation ausgedient haben. Ganz einfach und ohne große Wehmut. Die Peinlichkeit des sprechenden Helden, der alles aufs Spiel setzt und seine Wahrheit spricht und damit die Welt verändert und die tobende Masse eint, ist lediglich auf Video erhältlich. Die aufklärerische Hoffnung des "Mund aufmachens", des Aufbegehrens, ist den veränderten Formen des vermittelten Sprechens nicht gewachsen. Kurz: Die klassische Harmonie zwischen Form und Inhalt ist total gestört. Kein Empfang möglich für Megaphone auf Kundgebungswagen. Die Techniken schießen sich am Inhalt vorbei, der voll daneben dasteht und noch was von Revolution und Heldentum und Freiheit stammelt. Dilemma, Dilemma. Den Inhalt sollte man eben nicht von seinen Formen der †bermittlung und Verpackung trennen. Da dies nun aber bereits geschehen ist, ergeben sich drei Möglichkeiten: erstens, die Formen zurückbeamen und dem stammelnden Inhalt unterm Arm greifen (schlechte Wahl). Zweitens, den Inhalt mit neuen Antrieb ausstatten und die Form einholen (sowas dauert lange und damit ist der Vorsprung der Form nicht mehr wettzumachen). Drittens: auf die Form setzen und dem Gesetz der Form folgen, das besagt, daß sich ein Inhalt aus der jeweiligen Form bildet. Die dritte Antwort gewinnt bis auf weiteres den Preis der Jury, dem bereits der Slogan "die €sthetik des Widerstandes" vorauseilt, ohne jeglichen Bezug zu Peter Weiß oder sonstwas, nur frei flottierende Form, die wirkt. Verstrickungen und Strickmuster Kundtun klingt nach Mittelalter. Kund kommt von kennen und können. Der Kunde war einerseits Zeuge/Künder, der aufgrund eines bestimmten Wissens Dinge an- oder verkünden konnte und andererseits Bekannter, den mensch (er)kannte - aktive und passive Bedeutung stehen nebeneinander. Der Bekannte wird im Laufe der Neuzeit zum Wirtshausgast, um schließlich im Käuferkreis aufzugehen. Die Transformation des aufgeklärten Bürgers zum plappernden Konsumenten erscheint somit - zumindest aus etymologischer Sicht - als eine Art Deja-vu, ein Erlebnis, welches laut Psychoanalyse häufig im Zusammenhang mit Neurosen, wie dem Zwang zum Kundtun, auftritt ... Das vorliegende Heft ist folglich als neurotische Verdoppelung zu lesen: Nicht genug, daß jede Zeitschrift, so auch diese, per se Aus-druck eines Drangs zum Verkünden ist; sinn-haft stellt Formen und Inhalte dieser Praktiken auch noch zur Diskussion. Kundtun weist auf das Sprechen als Handlung hin, zu Wort kommen, bedeutet seit der Aufklärung sich als Subjekt zu setzen und schreibt sich seit der Französischen Revolution in spezifische politische Aktionsformen ein - politische Öffentlichkeit entsteht durch die Verbindung von Sprechen und Handlung. Die primäre Ressource des politischen Subjekts ist also seine Kommunikations- und Handlungsfähigkeit. Das kollektive Sprechen, die demonstrierende Masse führt zur Willensbildung, alle sollen/müssen nun sprechen dürfen. Die aufgeklärte Menge nimmt den öffentlichen Raum, die Straße, in Besitz. Hier wird der Redner zu einer Hauptfigur des Bürgertums, er repräsentiert die Masse. Parallel zum öffentlichen Raum entsteht das Private - die Trennung von Öffentlich und Privat ist die Voraussetzung der Konstitution des Mannes zum Bürger. Die Frau hingegen behält die Moral und übernimmt die "Seelenökonomie" des Mannes, damit er als vernünftiges Individuum erstrahlt. Dieses vernünftige Individuum ist nun also Herr seiner selbst, doch der neu erworbene Status setzt die Unterwerfung des Selbst voraus: ohne Selbstdisziplinierung und Normierung, ohne Unterordnung dem Allgemeinen kein Besonderes (ohne Fleiß kein Preis). Das Recht auf Mitsprache wird bald an eine zusätzliche Pflicht, die Wehrpflicht geknüpft, deren Einführung die Konstrukte Bürger, Soldat und Nation vereint. Widerstand Die Verschiebung der Kräfteverhältnisse durch die Bourgeoisie, die Entmachtung des Adels war an die Eroberung eines Sprache-Wissen-Systems gebunden, an die Entdeckung der eigenen Geschichte (Subjektstatus) sowie an ein Wissen um historische Kämpfe - denn ab einem bestimmten Zeitpunkt werden die Kämpfe nicht mehr mit Waffen, sondern mit Wissen entschieden. Die Ideen und Mobilisierungspraktiken der Französischen Revolution behalten für die nächsten zweihundert Jahre europäischer Geschichte Modellcharakter, sowohl für die Arbeiter- als auch für die Frauenbewegung. Widerstand wird in ähnlichen Mustern gedacht und geleistet, und das obwohl Machtverhältnisse auf immer subtilere Weise wirksam werden und mögliche Angriffspunkte (scheinbar?) verschwinden lassen. Nichtsdestotrotz wird der Subjektstatus nach bürgerlichem Modell weiterhin von verschiedenen Gruppen eingefordert. Konzepte des Kundtuns klammern sich immer wieder an den Mythos Moderne, wie etwa unterschiedlichste Demonstrationen zeigen. Das Infragestellen dieses Mythos im Zuge der Postmoderne stellte jedoch auch das klassische Kundtun in Frage, welches ja bereits durch das Aufkommen moderner Technologien, wie Rundfunk und Fernsehen, völlig neue Voraussetzungen und Funktionen erhielt. Ohne Eisenbahn und Rundfunk wären beispielsweise die Massenmobilisierungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht denkbar gewesen. Somit ist die Frage zu stellen, ob sich das aufgeklärte widerständige Kundtun so einfach auf die Gegenwart übersetzen läßt. Gespenster Das mediale Bild von Politik gilt nun als "wirkliche Politik" und politische Öffentlichkeit wird zunehmend mit Medienöffentlichkeit gleichgesetzt. Diese Entwicklung impliziert gleichzeitig ein Schwinden von politischer Öffentlichkeit sowie die Entpolitisierung politischer Subjekte als KonsumentInnen und ZuschauerInnen. Politik wird auf wenige AkteurInnen reduziert, sie gibt sich intimisiert und an bekannte Personen gebunden. Es geht also vordergründig um persönliche und stilistische Darstellungen, Politik wird zum Theater. Das Verlangen nach Partizipation hat sich verlagert in ein Verlangen nach Spektakel, man partizipiert indem man zusieht. Ab und zu redet man auch mit, dieses Sprechen ist aber nicht mehr an eine Handlung geknüpft. Ein paar neue (?) Kundtuns-Modelle spuken durch Köpfe und Drähte, irgendwie hängt jedoch alles in der Schwebe - kein Wunder, wenn sich Räume ohne Boden auftun. Von Dekonstruktion Provokation, Verwirrung, Queering, Kommunikationsguerillia, Spaßkultur ist die Rede. Und von Ausweitung der Kampfzone. Bleibt nur noch die freie Marktwirtschaft und Sexualität als Feld der Auseinandersetzung? Und wie war das gleich mit dem Politischen?

 

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