sinn-haft [nr] 6 - kundtun


->> Die Texte der [nr 6] im Überblick.
Vom Kundtun als Information. Oder: Die Waschmaschine mit Internetanschluss

Michael Dosser

Seit den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts hat sich ein Dispositiv der Information entwickelt, das bis in die heutige Zeit hegemonial geworden ist. Die Information wurde "entdeckt" und neben Masse und Energie als eigenständige Entität aufgefasst. Die Informationstheorie versteht darunter ein Mass, das den Zeichen einer Nachricht zugeordnet wird. Verwendet wird meist der Logarithmus zur Basis 2, woraus sich als Pseudoeinheit für die Information das bit ergibt. Bit steht dabei für binary digit, d.h. binäre Zahl oder Dualziffer und ist fundamentales Mass in Nachrichtentechnik und Informatik. Durch die Masseinheit bit können alle Zeichen dargestellt werden: Damit sind sämtliche differente Sprachen in eine Einheitssprache übersetzbar, die nur zwei Ausprägungen kennt: 0 und 1.
"Man kann daher die Prognose stellen, dass all das, was vom überkommenen Wissen nicht in dieser Weise übersetzbar ist, vernachlässigt werden wird, und dass die Orientierung dieser neuen Untersuchungen sich der Bedingung der Übersetzbarkeit etwaiger Ergebnisse in die Maschinensprache unterordnen wird." (Lyotard, Jean-François, Das Postmoderne Wissen. Ein Bericht [La condition postmoderne], Wien, Passagen Verlag 1994 [1979], S. 23.) Nicht nur das Wissen, sondern das gesamte Zeichensystem wird sich am Funktionsmechanismus der Maschinen orientieren, die durch die duale Ausprägung - kein Strom und Strom - charakterisierbar ist.

Computer Orson Es sind folglich nicht mehr mechanistische Maschinen, sondern Maschinen, die dazu bestimmt sind, kybernetisch zu arbeiten. Die Kybernetik ist eine Wissenschaftsdisziplin, die sich mit der formalen mathematischen Beschreibung und modellartigen Erklärung von dynamischen (kybernetischen) Systemen beschäftigt. Diese Systeme zeichnen sich durch das Prinzip der selbsttätigen Regelung von Informationen, Steuerung durch Übertragung und Rückübertragung von Informationen in mindestens einem Rückkoppelungssystem aus. Die Kybernetik wurde von Norbert Wiener begründet, der von der empirischen Erkenntnis von Analogien zwischen organismischen und technischen Systemen ausging, in denen Informationen übertragen und verarbeitet werden. Die Information als Digitalisierung oder Übersetzung schafft es als gemeinsame Matrix, zwei sich in der Moderne opponierende Konzepte - Lebewesen und Maschine - zu vereinen. Ihre zugrunde liegende Wissenschaft ist im weitesten Sinne die Informatik. Sie beschäftigt sich mit der grundsätzlichen Verfahrensweise der Informationsverarbeitung.
Lebewesen und Maschine sind nicht mehr prinzipiell voneinander zu trennen. Utopie? Vielleicht. Doch die Entwicklungen laufen in die Richtung der Fusion von Mensch und Maschine auf der Grundlage der Information. Jüngstes Beispiel, das mir untergekommen ist - die Waschmaschine mit Internetanschluss: Die in Paris vom italienischen Haushaltsgerätehersteller Merloni Elettrodomestici vorgestellte, rund 9000 Schilling teure Waschmaschine kann auf zwei Wegen mit ihrer Umgebung kommunizieren: Eine Datenschnittstelle nutzt das im Haushalt existierende Stromnetz zum Aufbau von Verbindungen mit anderen Haushaltsgeräten des gleichen Standards. Ausserdem enthält das Gerät eine GSM-Mobilfunkvorrichtung, mit der es SMS-Kurznachrichten senden und empfangen, sowie mit dem Internet Daten austauschen kann. Die Waschmaschine tut kund, daß sie gewaschen hat, während wir überlegen, ob wir die Kaffeemaschine mit Webserver (inzwischen auch keine Utopie mehr, sondern ganz normal im ausgesuchten Fachhandel zu kaufen) remote anwerfen sollen, da unser kybernetischer Körper die Information gesendet hat, dass er aufputschende Digitaldrogen auf genetischer Ebene braucht.


Lisa. Mac. Windows.

1981 brachte Apple den Macintosh auf den Markt. Macintosh war der kleine Bruder von Lisa. Lisa das gestohlene Kind von Xerox Forschungsmitarbeitern, deren Forschungen Kopiergerätemanagern unzugänglich und undurchsichtig waren. Lisa war zu teuer. Ihr kleiner Bruder, der liebevoll Mac genannt wurde war erschwinglich und sollte ein kleines Abenteuer einleiten. Eine graphische Oberfläche ersetzte die Befehlsketten und Codes herkömmlicher Datenverarbeitungsmaschinen. Das heißt: der Computer bekommt 1981 ein Gesicht. Von Antlitz zu Antlitz, dies ist und bleibt die Richtung. Xerox beißt sich in den Arsch. Wie konnten sie die Bilder nicht sehen, die vor ihren eigenen Augen flimmerten?
Mitte der achziger dann Windows. Und somit das Ende dieser Geschichte, der Rest ist Zukunft. Dos wurden die unverständlichen Kryptogramme der Nurds genannt, Win-Dows sollte nichts anderes sein als benutzerfreundliche Oberfläche. Das heißt, daß kleine Gesichter in den Bildschirmen flimmern. Allzumenschlich? Der letzte Mensch scheint kein Mensch zu sein.

thomas iacopino
up - home - next[nr] - archiv - kontakt/abo/h[r]r - linx