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sinn-haft [nr 11] Herbst 2001

zur Masse !

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Masse - Ein Thema, über das sich vielleicht gerade im Sommerurlaub gut nachdenken lässt. Wie fühlen sie sich, wenn sie bewusst nicht nach Kuba fahren, und dann auf einer vermeintlich abgelegenen Insel in Afrika alte Schulkollegen treffen?
Die Masse ist ein Begriff im Präteritum. Wo immer er in den letzten beiden Jahrhunderten seinen Ort hatte, der Rückblick lädt jedenfalls nicht zu einer Aktualisierung ein. Auf der anderen Seite scheint der Massebegriff Indikatorqualitäten zu besitzen, die aus ebendieser negativen Ladung folgen: Indem er reizt, lässt er Reaktionsweisen beobachten und interpretieren. Man könnte das zum Ausgangspunkt einer Art politischer Sozialpsychologie machen und fragen: Wie hältst Du's mit der Masse?

Apropos Ladung: Die Quantenmechanik benutzt im Unterschied zur klassischen Mechanik ausschließlich die Wellenvorstellung des Teilchens, sodass wir uns bei der Verwendung des Begriffs "Teilchen" von der Vorstellung eines "kleinen an einem Raum-Zeit-Punkt lokalisierten Stück Masse" trennen müssen. Hoch abstrakte Modelle sind in der Elementarphysik am Werk und trotzdem gleicht die Suche nach dem Higgs-Boson, das erklären soll, wie das "Teilchen" seine Masse erhält, der nach der "Blauen Blume". ähnlich scheint es auch uns zu gehen: Das Entstehen von Massen ist uns ein Rätsel geworden und je nach Perspektivierung ist sie mal da und mal auch nicht.

Massen-Kriege-Medien
"Der Drang zu wachsen ist die erste und oberste Eigenschaft der Masse. Sie will jeden erfassen, der ihr erreichbar ist. Wer immer wie ein Mensch gestaltet ist, kann zu ihr stoßen." (Canetti 1960: 15) Die Masse. Mobilisierungspotential, Hoffnungsträgerin, Revolution. Die Masse, zu verachtende Menschenmenge, "rote Flut", weiblicher Schmutz, klebriger Brei. Masse, das bedeutet Krieg, mit ihr oder gegen sie. Hitler als der große (Ver)führer der "weiblichen" Masse. Er verhalf den Massen zu ihrem Ausdruck, bei weitem aber nicht zu ihrem Recht. Spätestens der Golfkrieg verkündete, mit seinem Exzess der technischen Mittel, endlich die Überflüssigkeit der Massen - via Massenmedien. Hitler ist tot, danach kam das Fernsehen: kommen die Massen nun endlich auf ihre Rechnung? Unendliche Verschiebungs- und Kompensationsleistungen scheinen im Spiel zu sein, wenn im Gefolge der Kritischen Theorie von Massen die Rede ist. Schon eigenartig, dass auch bei Adorno Co. die Masse eine amorphe Ansammlung unmündiger Menschen bleibt, die via Massenmedien verarscht wird. Die Masse hatte noch bei Canetti viel mit Körperlichkeit zu tun, heute speist sich die Angst vor der Masse nicht mehr aus haptischen Qualitäten, sondern aus der Ansammlung von Zeichen, der Serialität.

Masse und EinzelneR
Die Masse soll zum Subjekt gemacht werden, so wollen es zumindest die Fortschrittlichen 1789. Manche Individuen grapschen sich aber ihren Teil und geben plötzlich vor, selbst Subjekte zu sein, von ihren eigenen Gnaden. Ein Gaukelspiel? Wer führt es wem vor? Ulrich Beck prognostiziert (s)eine reflexive Moderne, Kulturkritiker aller Seiten entlarven die Geschichte von der Individualisierung als Marketinggag. Und: Sind die H&M-Shirts von der Stange die stillschweigende Rache der Arbeiterinnen in den Sweatshops, die nicht am Selbstverwirklichungsprojekt teilnehmen dürfen? Was soll's, wenn alle Madonna hören: Jede(r) hört sie anders! - "Individualisierung? Häufige Diagnose aktueller Zustände, doch etwas kurzgreifend."

Die Magie der großen Zahl
6 Mrd. Menschen and counting. - Seit dem Blick vom Mond und der Ökologie erscheint die alte Kategorie des "Menschengeschlechts" nunmehr als großer Stoffwechselprozeß auf dem Planeten. Und schließlich: "Die anderen tun das auch alle." Ab wieviel Einheiten hat etwas Gewicht? In der Sozialforschung kann n = 2000 weniger sein als n = 15. Aber versuch das mal zu veröffentlichen... Statistik, Sozialepidemologie und das Gesetz der großen Zahl.

Masse und Demokratie
Überhaupt: Demokratie. Alexis de Toqueville schrieb in einem Brief an Stoffels (1835): Es handle sich nicht darum, zwischen Aristokratie und Demokratie, sondern zwischen zwei unvermeidlichen Übeln zu wählen, nämlich "ob man eine Gesellschaft ohne Poesie und Größe, aber voller Ordnung und Moralität haben wolle, oder aber eine demokratische Gesellschaft voller Unordnung und Verderbtheit, welche tollen Revolutionen ausgeliefert wäre oder welche unter ein schwereres Joch gebeugt sein würde, als es je auf Menschen seit dem Niedergang des römischen Reichs gelastet hätte." Demokratie als Institution scheint nicht in der Lage zu sein, das zu tun, "was das Volk will", geschweige denn zu erfassen, "was das Volk braucht". Muss die Demokratie undemokratisch sein, um als solche bestehen zu bleiben? Hier setzt die Debatte um Kontrolltechnologien und Gewaltmonopole ein: Aus Aufklärung für das Volk wurde einmal schon Volkshygiene. Und heute: Bewusstseinskleinhalte via Krone?
Anonymer Idealist: "Denn jeder Staat muss freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln: und das soll er nicht; also soll er aufhören."
Anonymer Politiker: "Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen jenen, die bisher erprobt wurden."

MassenKunst
Verachtung vs. Schmeicheln der Massen - dieses Kampffeld, ausgesteckt von Populisten und Liberalen, setzt sich in der kulturwissenschaftlichen Diskussion um Hochkultur und Populärkultur fort. Warum ist denn FM4 mein Lieblingssender? Ist das nun Massenkultur, Subkultur, Popkultur oder Hochkultur? Welche kulturökonomischen Mechanismen werden bei meiner Wahl wirksam? Welche Vorstellungen vom Menschen, von Kultur, Politik im Allgemeinen und Demokratie im Speziellen sind in die Radiowellen eingewoben?

Es war ein weiter Weg von der Vorstellung der Masse als natur- und triebhafter Zusammenrottung zur Frage, warum und mit welchem Ziel wer welche Massen erfindet...ein Weg, der erst noch zu erkunden ist.

ideen und artikel werden gerne entgegengenommen und zwar hier

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