PRIVAT?
Thomas
Iacopino
Das Private wird objektiviert, diszipliniert und diskursiv
gedehnt, vervielfältigt sich medial, wird technisiert und inhaltlich
gefährlich. Das Private erlebt eine Umdeutung: Das Private ist
öffentlich.
Die Geschichte der Couch
Die Couch steht im Wohnzimmer. Dies ist der Ort, an dem Freunde, Bekannte und Verwandte, kurz, Gäste empfangen werden. Hier wird ihnen Tee serviert und Gespräche geführt. / Repräsentant des privaten Heims ist das Wohnzimmer samt seiner Couch / Die Gäste sitzen mitten im privaten Besitz. Es ist diese Couch, die um die Jahrhundertwende in die Zimmer der Psychoanalytiker eingang findet, halb privat, halb öffentlich, wird hier das Eigene zum Fremden _und umgekehrt. Doch die Couch beendet ihre Reise nicht. Ab den sechziger Jahren wandert sie ins Fernsehstudio und läßt Talkshows zu einem privaten Ereignis öffentlichen Interesses werden. Die Geständnisse, Beichten und Träume, die einst im repräsentativen Wohnzimmer abgelegt wurden, um später professionalisiert in die Psycho-Praxen ausgelagert zu werden, finden sich nun im Fernsehgerät, das im Wohnzimmer steht // allemal stotternd und schluchzend // repräsentiert. Die Fernsehserien, Sit-Coms, zeigen das Interieur der unterschiedlichsten TV-Familien, auf eben dieser Couch sitzend, ihr Fernsehleben verbringend. Als Spiegelbild des eigenen Wohnzimmers und der eigenen Couch verdoppelt sich im Medium das private Leben. Doch Bildschirme sollen nicht mehr spiegeln _ matt _ erlauben sie die Reflexion nicht mehr, der Blick schießt unerwidert durch den Schirm. Das Gerät wird zur Verlängerung des eigenen Raums, des eigenen Lebens (wir kriegen kanal nicht voll). Und wieder ist es die Couch, auf der die, öffentlich-rechtlichen oder auch privaten, Bilder empfangen werden. Die empfangenen Bilder sind Gäste auf Knopfdruck, doch auch sie wird man nicht leicht wieder los. Wir haben es also nicht mehr mit einem Wohnzimmer oder einer Couch zu tun, sondern mit mehreren, _das Original? / keine Frage keine Antwort_, da es kein privates Wohnzimmer mehr zu geben scheint. Das private Leben wird nicht geführt, sondern vorgeführt. Die Couch steht nicht im Wohnzimmer.
p) Es hat eine Verschiebung des Verhältnisses von Privatheit
und Öffentlichkeit stattgefunden (wann wo wie alle fragen offen
gerücht 18 Jh ?). Diese Verschiebung ergibt sich aus dem Eingreifen
der Politik (im weitesten Sinne) in das immer wichtiger werdende
Feld der Bevölkerung und ihr Wohlergehen. Ein ganzes Arsenal
von Neuerungen, Einrichtungen und Errichtungen kreisen um den
Komplex Arbeit, Wohnen und Leben der Menschen. Die Wohlfahrt
überholt die Himmelfahrt. Die Entdeckung des Lebens (der Bevölkerung,
der Rasse) macht die Erfindung eines neuen Regierens nötig.
Das souveräne Regieren wandelt sich in ein gesamtgesellschaftliches
Regulieren, das versucht, das nun so kostbare gewordene Leben,
wo immer es kann, zu retten, zu beschützen, zu verbessern, zu
reinigen. Das einstige uninteressante private Leben ist nun
Ziel diverser Eingriffe und Objekt der Wißbegierde, das Private
wird ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt und seziert.
r) Neben dem Eingreifen der Politik, dürfte das Eingreifen
der Technik in das Verhältnis von Privat und Öffentlich bedeutsam
sein. Das Bild des Menschen hat sich geändert, mit Marx (Smith)
ist er zur Arbeitskraft geworden, gleichsam auch zur Masse und
zur Macht. Die sich um die Jahrhundertwende verbreitenden objektivierenden
Blicke in den Spiegel und auf die Photographie zeugen davon,
daß dieses Bild des -Menschen als Objekt- zu seinem Selbstbild
wird. Die Technik etabliert sich als neues Feld, das im Leben
und zunehmend auch für das Leben eine wichtige Rolle spielt.
Dieses Feld wird zum Definitionspunkt, über den der Mensch sich
zu seiner eigenen Rolle, seiner Identität verhilft.
i) Die Disziplin ist eine Objektivierung des Menschen, angeregt
durch den Wettstreit mit der Maschine (die Fabrik wird die Heim-Arbeit
einverleiben, um den Menschen schließlich aus der Produktion
zu verdrängen). Der überwachende Blick von außen, der Aufseher,
Lehrer und Offiziere wird über das technisch reproduzierte Bild
zum Blick von innen heraus auf sich selbst. Das Fremd- und das
Selbstbild erfahren ihre Gleichschaltung im internalisierten
objektiven Blick. Über die Kontrolle der einzelnen, ihre Disziplinierung
und der Verinnerlichung des selbstüberwachenden Blicks objektiviert
sich die Gesellschaft. Das Objekt und das Objektive führen die
Norm (als Wahrheit) und die, von Michel Foucault beschriebenen,
Normierungsgesellschaft ein.
v) In dieser Betrachtung der modernen Gesellschaft und ihrer
Konzeption ist der Mensch als Subjekt, auch ethymologisch, widerstreitend
Unterwerfendes und Unterworfenes. Dieses Subjekt ist demnach
in seiner modernen Vorstellung nicht ungeteiltes (Individuum),
sondern gespalten in das Eine und das Andere, ständig darauf
bedacht seine Teile so gut als möglich zu verwalten. Wie es
das macht? Durch Ausschluß des Anderen vom Einen, und der widersprüchlichen
Wiederaneignung dieses Anderen durch seinen Einschluß. Einsperren,
um es auszusperren. Könnte es die Vernunft geben, hätte man
keinen Wahnsinn? Nah, eingesperrt, und doch fern und fremd,
Wahnsinn.
a) Das Feld des Privaten, das im Zuge der doppelten Mobilmachung
der großen Kriege und der unausweichlichen Mobilität zu verkommen
drohte (wo ist etwa die prototypisch private frau - im waffenlager
projektile fertigen), wächst /postwar/ im Diskursiven, Wort
für Wort, weit über das kleine Eigenheim hinaus. Das Private
wird als Diskursives zu einer Fülle aus Freiheit, Glück, Gefahr
und Liebe. Eine ambivalente Bewegung _ über die Diskursivierung
wird einerseits preisgegeben, veräußert, veröffentlicht, andererseits
das private Feld im sprachlichen vergrößert, konserviert (um
als Simulation ganz abzuheben). Der vermittelte Blick, der über
ein Objektiv (Kameras aller Art) objektiviert, gewinnt ebenso
an Bedeutung und verknüpft sich mit diesem diskursiven Feld
(das blabla), um ein weiters zu öffnen. Das Feld der technisierten
Wahrheit.
t) Es ist diese Wahrheit die in ihrer Unfehlbarkeit eine Unsterblichkeit
andeutet, die sich auf die Subjekte auswirkt. "Die Compact Disc.
Sie nutzt sich nicht ab, selbst wenn man sie benutzt. Das ist
schrecklich. Als ob man sie nie benützt hätte. Als ob man selber
gar nicht da wäre. Wenn Gegenstände durch eure Berührung nicht
altern, dann seid ihr tot." schreibt Jean Baudrillard (Die Illusion
des Endes, 1994) in einem Abgesang auf das gespaltene Subjekt.
Er nimmt den Begriff des Individuums, als Ungeteiltes, auf sich
selbst bezogenes, wieder auf und konstatiert die Aktualität
dieses Begriffs, der so lange nicht halten konnte was er versprach
(wir waren niemals diese -nicht gespaltenen- sondern nur unterwerfende
Unterworfene - subsubsub). Doch es stellen sich neue Probleme,
das Gleiche im Gleichen ist getragen von einer Vertauschbarkeit,
Unentscheidbarkeit und der daraus resultierenden Gleichgültigkeit.
Indifferenz gegenüber der Zeit als gleichzeitige und ihrer Lange-Weile,
dem Raum, der immer ein Nirgendwo ist und schließlich sich selbst
und anderen gegenüber.
?) Sind wir nun in einer der vielen Medienkritiken gelandet?
Nein, bitte nicht.
BAU-BAU
FOU-FOU
Ja, ja diese Medien ... NEIN, eben nicht.
[Was unterscheidet Baudrillard von den Anti-Tv-Tv-Predigern,
die im Bildschirm über diesen urteilen. Deren Spruch lautet
"Das Fernsehen beeinflußt die Menschen". Baudrillard sitzt vollkommen
gleichgültig in seinem Sessel. Kann man nach Foucault noch entrüstet
sein, daß es Zugriffe auf diesen angeblich einheitlichen und
guten Menschen gibt? Sollte man sich wehren gegen die Disziplinierung
durch das TV? Gibt es noch den Ort der Kritik, den Ort der Moral,
oder ist auch dieser ein flüchtiger, sich wandelbarer, ein unentscheidbarer
Ort? Das Fernsehen ist nicht böse. Der Mensch ist nicht gut.
Anklage fallengelassen. Kann man die Simulation messen? Die
Entrüstung gegenüber einer sich verändernden Welt widerspricht
dem Aufrüsten für diese Welt. Mit Günther Anders gesprochen
~ "Es kommt nicht darauf an, die Welt zu verändern, dies geschieht
ohne unser Zutun, es kommt darauf an, diese Veränderung zu interpretieren."
Und das macht Baudrillard, er beobachtet die Veränderung und
erarbeitet eine Interpretation dieses Gesamtkunstwerks. Keine
Moral, keine Skrupel, keine große Hoffnung oder Verheißung.
Was seinen Blickwinkel anbelangt, so läßt sich festhalten, er
schreibt in der "wir" Form und vereinnahmt die LeserInnen mit
einem "uns", doch scheint es, daß er als Geschichtsschreiber
der Gegenwart, ein Historiker des Jetzt, das Raumschiff längst
bestiegen hätte. Baudrillards Zynismus folgert sich aus seinem
Blickwinkel, dem Rückblickwinkel auf eine längst zukünftige
Welt. Die Moral ist in dieser Perspektive ein runder Kreis,
eine Tautologie unter vielen. Ihre Bewegung kann betrachtet
werden, doch sie langweilt oder hypnotisiert bestenfalls diejenigen,
die es am längsten versuchen.]
Also, die Medien beeinflussen den Menschen. Ja, und, wie geht's
weiter? Ist das alles was sich sagen läßt? Ist das die Leistung
der großen TV-Stationen? Nein, es bleibt eben nicht alles beim
alten, es gibt nicht bloß die Beeinflussung innerhalb der gegebenen
Ordnung. Das wäre eine verkürzte Sicht auf die sich abspielende
Veränderung. Durch das Fernsehen, den Bildschirm ändert sich
das Verhältnis des Menschen zu seiner wahrnehmbaren realen Welt.
Diese Welt, die eine über unsere Wahrnehmung vermittelte ist,
ändert sich mit unserer veränderten Wahrnehmung. Die Welt ist
schon einmal von einer Scheibe zu einer Kugel geworden, und
das war wohl nicht die letzte Metamorphose des "objektiv, eindeutigen
und ewigen Realen".
Die Annahme, daß es eine Welt, eine Ordnung, ein Oben und
ein Unten, eine Macht, einen Menschen gäbe ist des öfteren widerlegt
worden. Foucault multipliziert diese (angeblich eine) Macht
und potenziert ihr einziges Zentrum zu zahllosen Peripherien.
Detto für den Menschen oder das Subjekt, in sich gespalten,
in die Geschichte hinein und in den Bildern vervielfältigt er
und es sich. Er differenziert, entmythisiert und politisiert.
Die Theorie ist Praxis. Es etabliert sich ein komplexes Netz
aus Beziehungen und aus ihnen folgernden Machtwirkungen, die
mehr als eine Welt tragen. Ebenso wie die Beziehungen zwischen
den Menschen gibt es die Beziehungen der einzelnen zu ihrer
Welt, diesen gilt die Analyse oder die Andersche Interpretation.
Baudrillard interpretiert und entdeckt die Welten, die neben
dem allzueinfachen Schema der einmaligen Beeinflussung zahlreich
existieren.
Die Welt als Zeichenwelt aufzufassen, legt den Schwerpunkt,
das Gravitationszentrum dieser Welt, in das Zeichen entziffernde
Mensch-Blick-Sein. Jedoch verschwindet dieses Zentrum, läßt
man diesen Entziffernden selbst zu einem Zeichen werden, das
in Beziehung zu den anderen steht. In der Astronomie spricht
man von Singularitäten, die eine unvorstellbare Ansammlung von
Energie in einem Punkt darstellen, aus einer solchen Singularität
soll sich unser Universum gebildet haben. Dieses Uni(!)versum
ist als eine (unendliche) Ausdehnung von dieser Energie und
in diesem einen Universum gibt es wiederum Singularitäten, die
sich zu Universen ausdehnen. Es dürfte nach dieser Theorie nicht
nur ein Universum geben, sondern unzählige parallele. Fragen:
Und was ist nun mit der einfachen Medienkritik? Was heißt Soziologie?
Es gibt mehrere Welten? Was sollen diese Fragen?
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