sinn-haft [nr 5] - juni 1999
[Privat?]

 

PRIVAT?

Thomas Iacopino

Das Private wird objektiviert, diszipliniert und diskursiv gedehnt, vervielfältigt sich medial, wird technisiert und inhaltlich gefährlich. Das Private erlebt eine Umdeutung: Das Private ist öffentlich.



Die Geschichte der Couch
Die Couch steht im Wohnzimmer. Dies ist der Ort, an dem Freunde, Bekannte und Verwandte, kurz, Gäste empfangen werden. Hier wird ihnen Tee serviert und Gespräche geführt. / Repräsentant des privaten Heims ist das Wohnzimmer samt seiner Couch / Die Gäste sitzen mitten im privaten Besitz. Es ist diese Couch, die um die Jahrhundertwende in die Zimmer der Psychoanalytiker eingang findet, halb privat, halb öffentlich, wird hier das Eigene zum Fremden _und umgekehrt. Doch die Couch beendet ihre Reise nicht. Ab den sechziger Jahren wandert sie ins Fernsehstudio und läßt Talkshows zu einem privaten Ereignis öffentlichen Interesses werden. Die Geständnisse, Beichten und Träume, die einst im repräsentativen Wohnzimmer abgelegt wurden, um später professionalisiert in die Psycho-Praxen ausgelagert zu werden, finden sich nun im Fernsehgerät, das im Wohnzimmer steht // allemal stotternd und schluchzend // repräsentiert. Die Fernsehserien, Sit-Coms, zeigen das Interieur der unterschiedlichsten TV-Familien, auf eben dieser Couch sitzend, ihr Fernsehleben verbringend. Als Spiegelbild des eigenen Wohnzimmers und der eigenen Couch verdoppelt sich im Medium das private Leben. Doch Bildschirme sollen nicht mehr spiegeln _ matt _ erlauben sie die Reflexion nicht mehr, der Blick schießt unerwidert durch den Schirm. Das Gerät wird zur Verlängerung des eigenen Raums, des eigenen Lebens (wir kriegen kanal nicht voll). Und wieder ist es die Couch, auf der die, öffentlich-rechtlichen oder auch privaten, Bilder empfangen werden. Die empfangenen Bilder sind Gäste auf Knopfdruck, doch auch sie wird man nicht leicht wieder los. Wir haben es also nicht mehr mit einem Wohnzimmer oder einer Couch zu tun, sondern mit mehreren, _das Original? / keine Frage keine Antwort_, da es kein privates Wohnzimmer mehr zu geben scheint. Das private Leben wird nicht geführt, sondern vorgeführt. Die Couch steht nicht im Wohnzimmer.

p) Es hat eine Verschiebung des Verhältnisses von Privatheit und Öffentlichkeit stattgefunden (wann wo wie alle fragen offen gerücht 18 Jh ?). Diese Verschiebung ergibt sich aus dem Eingreifen der Politik (im weitesten Sinne) in das immer wichtiger werdende Feld der Bevölkerung und ihr Wohlergehen. Ein ganzes Arsenal von Neuerungen, Einrichtungen und Errichtungen kreisen um den Komplex Arbeit, Wohnen und Leben der Menschen. Die Wohlfahrt überholt die Himmelfahrt. Die Entdeckung des Lebens (der Bevölkerung, der Rasse) macht die Erfindung eines neuen Regierens nötig. Das souveräne Regieren wandelt sich in ein gesamtgesellschaftliches Regulieren, das versucht, das nun so kostbare gewordene Leben, wo immer es kann, zu retten, zu beschützen, zu verbessern, zu reinigen. Das einstige uninteressante private Leben ist nun Ziel diverser Eingriffe und Objekt der Wißbegierde, das Private wird ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt und seziert.

r) Neben dem Eingreifen der Politik, dürfte das Eingreifen der Technik in das Verhältnis von Privat und Öffentlich bedeutsam sein. Das Bild des Menschen hat sich geändert, mit Marx (Smith) ist er zur Arbeitskraft geworden, gleichsam auch zur Masse und zur Macht. Die sich um die Jahrhundertwende verbreitenden objektivierenden Blicke in den Spiegel und auf die Photographie zeugen davon, daß dieses Bild des -Menschen als Objekt- zu seinem Selbstbild wird. Die Technik etabliert sich als neues Feld, das im Leben und zunehmend auch für das Leben eine wichtige Rolle spielt. Dieses Feld wird zum Definitionspunkt, über den der Mensch sich zu seiner eigenen Rolle, seiner Identität verhilft.

i) Die Disziplin ist eine Objektivierung des Menschen, angeregt durch den Wettstreit mit der Maschine (die Fabrik wird die Heim-Arbeit einverleiben, um den Menschen schließlich aus der Produktion zu verdrängen). Der überwachende Blick von außen, der Aufseher, Lehrer und Offiziere wird über das technisch reproduzierte Bild zum Blick von innen heraus auf sich selbst. Das Fremd- und das Selbstbild erfahren ihre Gleichschaltung im internalisierten objektiven Blick. Über die Kontrolle der einzelnen, ihre Disziplinierung und der Verinnerlichung des selbstüberwachenden Blicks objektiviert sich die Gesellschaft. Das Objekt und das Objektive führen die Norm (als Wahrheit) und die, von Michel Foucault beschriebenen, Normierungsgesellschaft ein.

v) In dieser Betrachtung der modernen Gesellschaft und ihrer Konzeption ist der Mensch als Subjekt, auch ethymologisch, widerstreitend Unterwerfendes und Unterworfenes. Dieses Subjekt ist demnach in seiner modernen Vorstellung nicht ungeteiltes (Individuum), sondern gespalten in das Eine und das Andere, ständig darauf bedacht seine Teile so gut als möglich zu verwalten. Wie es das macht? Durch Ausschluß des Anderen vom Einen, und der widersprüchlichen Wiederaneignung dieses Anderen durch seinen Einschluß. Einsperren, um es auszusperren. Könnte es die Vernunft geben, hätte man keinen Wahnsinn? Nah, eingesperrt, und doch fern und fremd, Wahnsinn.

a) Das Feld des Privaten, das im Zuge der doppelten Mobilmachung der großen Kriege und der unausweichlichen Mobilität zu verkommen drohte (wo ist etwa die prototypisch private frau - im waffenlager projektile fertigen), wächst /postwar/ im Diskursiven, Wort für Wort, weit über das kleine Eigenheim hinaus. Das Private wird als Diskursives zu einer Fülle aus Freiheit, Glück, Gefahr und Liebe. Eine ambivalente Bewegung _ über die Diskursivierung wird einerseits preisgegeben, veräußert, veröffentlicht, andererseits das private Feld im sprachlichen vergrößert, konserviert (um als Simulation ganz abzuheben). Der vermittelte Blick, der über ein Objektiv (Kameras aller Art) objektiviert, gewinnt ebenso an Bedeutung und verknüpft sich mit diesem diskursiven Feld (das blabla), um ein weiters zu öffnen. Das Feld der technisierten Wahrheit.

t) Es ist diese Wahrheit die in ihrer Unfehlbarkeit eine Unsterblichkeit andeutet, die sich auf die Subjekte auswirkt. "Die Compact Disc. Sie nutzt sich nicht ab, selbst wenn man sie benutzt. Das ist schrecklich. Als ob man sie nie benützt hätte. Als ob man selber gar nicht da wäre. Wenn Gegenstände durch eure Berührung nicht altern, dann seid ihr tot." schreibt Jean Baudrillard (Die Illusion des Endes, 1994) in einem Abgesang auf das gespaltene Subjekt. Er nimmt den Begriff des Individuums, als Ungeteiltes, auf sich selbst bezogenes, wieder auf und konstatiert die Aktualität dieses Begriffs, der so lange nicht halten konnte was er versprach (wir waren niemals diese -nicht gespaltenen- sondern nur unterwerfende Unterworfene - subsubsub). Doch es stellen sich neue Probleme, das Gleiche im Gleichen ist getragen von einer Vertauschbarkeit, Unentscheidbarkeit und der daraus resultierenden Gleichgültigkeit. Indifferenz gegenüber der Zeit als gleichzeitige und ihrer Lange-Weile, dem Raum, der immer ein Nirgendwo ist und schließlich sich selbst und anderen gegenüber.

?) Sind wir nun in einer der vielen Medienkritiken gelandet? Nein, bitte nicht.

 

BAU-BAU FOU-FOU

Ja, ja diese Medien ... NEIN, eben nicht.

[Was unterscheidet Baudrillard von den Anti-Tv-Tv-Predigern, die im Bildschirm über diesen urteilen. Deren Spruch lautet "Das Fernsehen beeinflußt die Menschen". Baudrillard sitzt vollkommen gleichgültig in seinem Sessel. Kann man nach Foucault noch entrüstet sein, daß es Zugriffe auf diesen angeblich einheitlichen und guten Menschen gibt? Sollte man sich wehren gegen die Disziplinierung durch das TV? Gibt es noch den Ort der Kritik, den Ort der Moral, oder ist auch dieser ein flüchtiger, sich wandelbarer, ein unentscheidbarer Ort? Das Fernsehen ist nicht böse. Der Mensch ist nicht gut. Anklage fallengelassen. Kann man die Simulation messen? Die Entrüstung gegenüber einer sich verändernden Welt widerspricht dem Aufrüsten für diese Welt. Mit Günther Anders gesprochen ~ "Es kommt nicht darauf an, die Welt zu verändern, dies geschieht ohne unser Zutun, es kommt darauf an, diese Veränderung zu interpretieren." Und das macht Baudrillard, er beobachtet die Veränderung und erarbeitet eine Interpretation dieses Gesamtkunstwerks. Keine Moral, keine Skrupel, keine große Hoffnung oder Verheißung. Was seinen Blickwinkel anbelangt, so läßt sich festhalten, er schreibt in der "wir" Form und vereinnahmt die LeserInnen mit einem "uns", doch scheint es, daß er als Geschichtsschreiber der Gegenwart, ein Historiker des Jetzt, das Raumschiff längst bestiegen hätte. Baudrillards Zynismus folgert sich aus seinem Blickwinkel, dem Rückblickwinkel auf eine längst zukünftige Welt. Die Moral ist in dieser Perspektive ein runder Kreis, eine Tautologie unter vielen. Ihre Bewegung kann betrachtet werden, doch sie langweilt oder hypnotisiert bestenfalls diejenigen, die es am längsten versuchen.]

Also, die Medien beeinflussen den Menschen. Ja, und, wie geht's weiter? Ist das alles was sich sagen läßt? Ist das die Leistung der großen TV-Stationen? Nein, es bleibt eben nicht alles beim alten, es gibt nicht bloß die Beeinflussung innerhalb der gegebenen Ordnung. Das wäre eine verkürzte Sicht auf die sich abspielende Veränderung. Durch das Fernsehen, den Bildschirm ändert sich das Verhältnis des Menschen zu seiner wahrnehmbaren realen Welt. Diese Welt, die eine über unsere Wahrnehmung vermittelte ist, ändert sich mit unserer veränderten Wahrnehmung. Die Welt ist schon einmal von einer Scheibe zu einer Kugel geworden, und das war wohl nicht die letzte Metamorphose des "objektiv, eindeutigen und ewigen Realen".

Die Annahme, daß es eine Welt, eine Ordnung, ein Oben und ein Unten, eine Macht, einen Menschen gäbe ist des öfteren widerlegt worden. Foucault multipliziert diese (angeblich eine) Macht und potenziert ihr einziges Zentrum zu zahllosen Peripherien. Detto für den Menschen oder das Subjekt, in sich gespalten, in die Geschichte hinein und in den Bildern vervielfältigt er und es sich. Er differenziert, entmythisiert und politisiert. Die Theorie ist Praxis. Es etabliert sich ein komplexes Netz aus Beziehungen und aus ihnen folgernden Machtwirkungen, die mehr als eine Welt tragen. Ebenso wie die Beziehungen zwischen den Menschen gibt es die Beziehungen der einzelnen zu ihrer Welt, diesen gilt die Analyse oder die Andersche Interpretation. Baudrillard interpretiert und entdeckt die Welten, die neben dem allzueinfachen Schema der einmaligen Beeinflussung zahlreich existieren.

Die Welt als Zeichenwelt aufzufassen, legt den Schwerpunkt, das Gravitationszentrum dieser Welt, in das Zeichen entziffernde Mensch-Blick-Sein. Jedoch verschwindet dieses Zentrum, läßt man diesen Entziffernden selbst zu einem Zeichen werden, das in Beziehung zu den anderen steht. In der Astronomie spricht man von Singularitäten, die eine unvorstellbare Ansammlung von Energie in einem Punkt darstellen, aus einer solchen Singularität soll sich unser Universum gebildet haben. Dieses Uni(!)versum ist als eine (unendliche) Ausdehnung von dieser Energie und in diesem einen Universum gibt es wiederum Singularitäten, die sich zu Universen ausdehnen. Es dürfte nach dieser Theorie nicht nur ein Universum geben, sondern unzählige parallele. Fragen: Und was ist nun mit der einfachen Medienkritik? Was heißt Soziologie? Es gibt mehrere Welten? Was sollen diese Fragen?


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