Drei Vorstellungen
von Marcus Hammerschmitt
Kaizen
Dein lachsfarbenes, da, unter dem Falbhaar-Dreieck, ist nicht für mich. Es hat sich erwiesen. Ich soll es nicht ansehen, nicht streicheln, nicht küssen dürfen. Ich hätte es gerne besprochen, ich hätte ihm gerne die Leviten gelesen, ich hätte ihm gerne gehuldigt, dem spitzen Eck im schiefen M deiner Beine, deiner langen, schlanken Beine wohlgemerkt, die dich einst aus dem Norden bis hierhergebracht haben, aus Westfalen, wo die Bauerstöchter schöner sind als die Schauspielerinnen, und auf denen du demnächst weggehst, entschwindest, hätte man früher gesagt. Das sind schöne Beine. Im Schritt ist ihr Geheimnis. Nehmen wir einmal an, wir würden es doch noch tun. Nehmen wir einmal an, du seist drapiert, ein Bein rechts, das andere links, bereit für die Liebe oder die Fotografie, und du hättest einen deiner üblichen schwarzen Pullover anbehalten, und dein Haar aufgesteckt, wie es die Sitte ist bei dir, und du würdest mich ansehen, mit diesem leicht distanzierten Blick, den ich kenne von den müden und vergeblichen Treffen bei den Freunden, und der mich so liebreizend abwies, lächelnd, und mir den Weg in die Augen versperrte, nehmen wir an, du wärst auf einmal so ernst, und ein wenig ungeduldig, und du würdets sagen, nur noch halb zärtlich: "Komm doch." Nehmen wir das einmal an. Und ich würde dann nur noch kurz über dein Gesicht wandern, und seine eigenartige Geographie, die kommt von deinem zu großen Mund, und ich würde mir noch ganz kurz die feinen Härchen auf deiner Wange im schwachen Licht bei den Freunden in Erinnerung rufen, feine Härchen auf deiner linken Wange, auf der Schokoladenseite deines Gesichts, und dann käme ich wirklich gelaufen. Ich würde deinen zweiten Mund küssen, den kleinen lachsfarbenen unter dem Falbhaar, das empfindliche Tier, mit den zwei verschieden großen Flügeln, die lebendige Punze, aus der dein Miasma kommt, dein Geruch, der tagelang an meinen Fingern haften würde, schlimmer als Knoblauch, da das Stinktier der Liebe, das ich saubermachen muß. Du bekämst rote Flecken am Hals. Wir sind schließlich nicht mehr die Jüngsten. Blasse Typen wie du neigen ohnehin dazu. Das kleine Tier würde sich aufplustern unter meiner Zunge, mir entgegenschwillen und -sabbern und jede Säuberungsabsicht durchkreuzen mit Salz-, Blut- und Pferdewasser, und immer mehr davon. Und mir würde bald der Nacken schmerzen, wie allen Dienern, die sich zu gerne bücken. Und du würdest mir die Haare raufen, damit ich es auch glaube. Und wenn dann der Schrei käme, oder das glühende Zerfließen, oder das in dich Hineinfallen und Zuschnappen, und das wimmernde Wegrollen, wärst du es zunächst zufrieden, und ich doppelt. Aber bald danach nähmst du mich an der Hand, um mich zu belohnen, indem du mir auch ein Gutes zuleide tust. So wäre das mit der Verzärtelung des Lachsfarbenen.
Wie kann ich so etwas denken und spintisieren, und mir zusammenphantasieren. Wie unstatthaft, wie unkorrekt, wie feindlich ist das. Hättest du dich mir zeigen wollen, hättest du es ja getan. Da brauche ich nicht in Gedanken zu erzwingen, was die Wirklichkeit nicht hergibt. Eine Unverschämtheit. Würde ich dir das gestatten, von mir auf diese schmutzige Art zu träumen? Ja, dreimal ja! Let me be your fantasy! Was anderes gibt’s eh nicht mehr, nicht hin und nicht her! Denn dein ekelhafter Ehrgeiz und dein schandbares Talent mit Geld, das tausendmal schmutziger ist, als jede Phantasie, die mir die Laken feucht macht, entführen dich nach Frankfurt/Main. Was mußt du auch eine Managerin sein, und dich selbständig machen, natürlich im Computerbereich, damit du in zehn Jahren stinkst vor Geld. Und dieser ekelhafte Kerl, der zur Nacht bei dir liegt, und der dir diesen Schwachsinn eingeflötet hat, der verdient sowieso ein paar saftige rechts und links. Aus is! Es wird nicht einmal mehr die züchtigen Treffen im sparsamen Wohnzimmerlicht der Freunde geben, es wird nicht einmal mehr die keusche Umarmung am Anfang und am Ende geben, keine schwarzen Pullover und keine hochgesteckten Haare und kein zu breiter Mund und nichts mehr! Du machst dich vom Acker und ich bleibe übrig. Wir haben uns ja nicht einmal geküsst. Das wird mir noch einmal sehr leid tun. Es hat schon damit angefangen.
Otranto
Ich fühle mich lau. Ich schicke dir eine Mail, in der ich beklage, daß mir Spaß und eine Badewanne fehlen, und bewege dazu in meinem Herzen finstere Hintergedanken. Wenige Tage später rätst du mir in deiner Antwortmail zu, von deiner Badewanne Gebrauch zu machen. Ich rufe bei dir an, und das Herz klopft mir Halse. Wir einigen uns. "Übermorgen dann. Ich freu mich", sage ich zum Abschied und bekomme gerade noch mit Anstand den Hörer auf die Gabel. Ich habe zwei Nächte voller schwieriger Träume. Ich nehme Musik mit, und vertraue darauf, daß in deinem Badezimmer etwas steht, was sie abspielen kann. Du öffnest die Tür und lächelst freundlich, als wäre nichts. Ich dagegen kann kaum sprechen. Was tue ich hier eigentlich? Baden gehen? "Musik willst du hören?", fragst du lachend, und stellst mir einen kleinen Recorder ins Bad. "Viel Spaß", wünschst du mir, und ich stehe mit meinem Handtuch, der Seife und dem Massageöl da wie ein Hirnverbrannter. Es gibt kein Zurück mehr. Ich werde das Spiel zuende spielen müssen. Während ich Wasser einlaufen lasse, verfluche ich meine Phantasie, das Internet, dich, alles was mir gerade einfällt, die ganze Welt. Ich tauche einen Fuß hinein, und ziehe ihn so schnell wieder zurück, daß ich fast hinfalle: viel zu heiß. Die Scheiben an deinen
Badezimmerfenstern beschlagen. Ach ja, die Musik. Während das kalte Wasser dazuläuft, schiebe ich die CD ein. Eine gute Komödie will zuende gespielt sein, und ich werde nunmehr eine halbe Stunde in dieser Badewanne liegen, entspannender Musik zuhören, mich abtrocknen, mich mit meinem liebsten Massageöl einreiben, mit dir eine Tasse Tee trinken und nachhause gehen. Ich tauche ein und hasse mich. So eine Schnapsidee! Typisch ich! Gutes Konzept, bescheuerte Umsetzung!
Ich bin so sehr mit meinem Selbstmitleid beschäftigt, daß ich gar nicht merke, wie sich die Badezimmertür öffnet. Als du plötzlich neben der Badewanne stehst, fährt mir ein Schreck in die Glieder, als sei der Gottseibeiuns aus dem Boden gewachsen. Es schwimmt nicht viel Schaum auf dem Wasser, und ich bedecke mit den Händen hastig meinen Unterleib. Du trägst einen hellgrünen Bademantel, der aus der Zeit der Weimarer Republik
stammen könnte und geradezu auf künstlerische Weise häßlich ist. Während du mich still ansiehst, als sei ich ein interessantes Problem, beschlagen deine Brillengläser. Du ziehst deine Brille aus, faltest sie sorgsam zusammen und legst sie auf das Fensterbrett. Du öffnest deine Haare, und mir wird warm. Ich habe sie noch nie so gesehen, deine dicken schwarzen Haare mit den vielen silbernen Fäden darin, und sie fallen dir über die Schultern, während du die Schlaufe an deinem Bademantelgürtel aufknüpfst. Ich schließe vor Angst die Augen. Ich kann hören, wie er zu Boden fällt, und deine zwei Schritte auf den Fliesen höre ich auch. Ich habe es mir gewünscht, und man soll mit seinen Wünschen vorsichtig sein, da sie erhört werden können. Du steigst in die Wanne und trittst aus Versehen auf meinen rechten Knöchel. "Entschuldigung", sagst du, ich murmele tapfer: "Macht nix." Nur kurz kann ich die Augen öffnen, weil mir sonst schwindlig wird. Du gleitest in die Wanne, und es wird schwierig, sich nicht zu berühren. "Das ist eine schöne Musik", sagst du mit einer Stimme, die mir ruckartig unters Zwerchfell greift. "Aber du bist ein ziemlicher Blödmann. Zum Beispiel hat mir vorhin schon der Begrüßungskuß gefehlt. Sowas macht man nicht. Und jetzt möchte ich bitteschön gerne, daß du mich ansiehst." Gehorsam öffne ich die Augen. Die Geometrie deines Gesichts hat sich völlig geändert, weil deine Haare naß geworden sind. Ich kämpfe noch mit dem inneren Bild der Wollflut über deinen Schultern, und schon ist sie ertränkt im Wasser. Alles ist nur noch Gesicht, auf fast erschreckende Weise. Was dein Fuß da macht, ist nicht in Ordnung. Du siehst mich an mit diesem Blick einer kundigen Fischersfrau, und ich kann kaum an mich halten.
Abendlicht
Ich beginne dich zu kennen, und es fällt dir auf. Wenn du mich durch die großen Glasscheiben kommen siehst, empfängt mich dein Lächeln schon vor dem Gruß. Du empfiehlst mir die schönsten Sachen in den Auslagen, und sie schmecken mir wirklich. Während du nach der Ware tastest, beobachte ich dich und will dabei unbeteiligt erscheinen: Ich würde dich sogar in dieser kreuzdummen Verkäuferinnen-Uniform gerne anfassen. Wann immer du mir das Brot in die Tüte getan hast, verabschieden wir uns zweimal. Ich mache mir darüber Gedanken, was ich anziehe, bevor ich dich in deinem Laden besuche. Es ist ja gar kein richtiger Laden, sondern eher so ein Outlet, die Synapse einer gigantischen Bäckereikette, die für das nächste Jahr die Weltherrschaft einplant, ein Gemisch aus Stehcafé und Kiosk, wo man nur steht, wenn einem gar nichts anderes übrigbleibt. Deine Kolleginnen sind schauderhaft, verkeift, griesgrämig, mürrisch, sie können nicht einmal altgewordene Brezeln zurücknehmen, ohne die Fassung zu verlieren. Du dagegen: die Bäckerblume schlechthin. Ich frage dich: "Sie sind neu hier, nicht wahr?" Du antwortest: "Aber nicht fest. Ich bin eine Springerin, die ausgefallene Kolleginnen in der ganzen Umgebung vertritt." Du lächelst mich an. "Morgen bin ich nachmittags hier, bis Geschäftsschluß, und übermorgen auch." Ich lächele zurück. Warum erzählst du mir das? So genau wollte ich es gar nicht wissen. Aber was wollte ich dann wissen? Ich wollte hören: "Ja. Ich bin jetzt immer da." Ich weiß, was mir blüht. Ich kenne mich aus mit meiner Neigung zur Dame des Bäckerladens. Es dauert noch eine Weile, und ich gehe so weit, mein gutes Jackett anzuziehen, bevor ich bei dir Brot hole. Es muß etwas geschehen. Entweder werde ich handeln, oder woanders einkaufen müssen. Der Entschluß fällt mir schwer, schwerer als ein Mord, der Gang zum Schafott, der Schritt auf den Balkon, um die Republik auszurufen. Ich kriege sogar feuchte Hände. Die Umstände sind extrem ungünstig. Als ich an diesem Tag den Laden betrete, bedienst du schon zwei Polizisten. Ganz in der Nähe ist das größte Revier der Stadt, und manche Gesetzeshüter stärken sich bei dir für die Verbrecherjagd. Ich bilde mir ein, wie Espenlaub zu zittern, als du sagst: "Hallo." "Drei Brötchen bitte", sage ich mit gepreßter Stimme. "Normal? Kornknacker? Roggen?", fragst du zweifelnd, aber freundlich, und ich antworte: "Korncker." Du tütest ein. Du tippst den Preis. Du nennst die Summe. Ich fummele die Münzen aus meinem Portemonnaie heraus, als seien sie meine letzte Chance. Sie sind meine letzte Chance. "Was machen Sie eigentlich heute abend?", frage ich idiotisch. "Was?", lachst du. Mir fällt auf, daß du zuviel Lidschatten aufgelegt hast. War das nicht schon immer so? "Wer? Ich?" "Ja, Sie", sage ich, vorübergehend durch deinen Moment der Unsicherheit ermutigt. "Nichts." Du wirfst die Münzen in die Kasse, und wenn du errötet bist, kann man es nicht sehen. Einer der Polizisten, an einem Käsebrötchen kauend, beobachtet mich mit der durchdringenden Routine des Verhörspezialisten. Mein Gesicht fühlt sich an, als hätte ich es in heißes Öl getaucht. "Ich würde Sie gerne ins Kino einladen." Du lächelst mich an, jetzt doch verlegen. "Was macht der Kerl hier für Sachen", scheinst du zu denken. "Das ist jetzt wirklich unpassend." Mein ganzes Leben rauscht in Sekunden an mir vorbei. Die unendlich vielen Gelegenheiten, bei denen ich nette Frauen hinter der Theke danach gefragt habe, was sie heute abend eigentlich machen. In Kneipen, in Bäckerläden, in Hotels. Ungefähr drei oder viermal. Ist nie was draus geworden. "Kino mag ich gerne." Ich muß mich wohl verhört haben. Aber du korrigierst dich nicht. Deine schauderhafte Kollegin schaut um die Ecke. Jetzt muß alles schnell gehen. "Wir treffen uns hier um sieben." "Um halb acht." "Bis dann", sage ich eilig, und verlasse fluchtartig den Laden, bevor du es dir anders überlegst.
Obwohl ich mir auf dem Nachhauseweg einrede, daß wir beide im heiratsfähigen Alter sind, fühle ich mich nicht sehr gut. Die Brötchen werfe ich in den nächsten Papierkorb. Gefrühstückt habe ich schon lange. Zuhause nenne ich mich probehalber einen Hornochsen. Aber das hilft nicht, denn ich habe nichts weiter getan, als eine hübsche Fau zu fragen, ob sie mit mir ausgeht, und sie hat ja gesagt. Das ist so neu für mich, daß ich irgend etwas tun muß, um die Situation zu entschärfen. Als die Selbstabwertung versagt, versuche ich es mit Verachtung. Du bist doch nur eine kleine Verkäuferin, nicht wahr? Und manchmal hast du Schwierigkeiten mit der Dosierung deines Lidschattens, oder? Dieses Spiel wird mir so peinlich, daß ich schließlich kapituliere. Ich weiß nicht, was heute abend geschieht, das dreht mir das Herz im Leibe um. Ich muß es einfach akzeptieren. Als wir uns vor der Bäckerei treffen, siehst du sehr nett aus. Ich fühle mich linkisch in meinem guten Jackett, und aus einer gekonnten Begrüßung wird nichts. "Hallo." "Hallo." Du führst mich zu deinem Wagen, und sagst: "Diese Schnepfe." Ich weiß, daß du deine Kollegin damit meinst, und hoffe, dir keinen Ärger für die Zukunft gemacht zu haben. "Das mit dem Kino habe ich vorhin nur so gesagt. Ich will einfach ein wenig mit dir herumfahren. Das mache ich öfter, nur so herumfahren. Hast du Lust?" "Ja!", sage ich begeistert, als sei das meine bevorzugte Freizeitbeschäftigung, mit Gelegenheitsbekanntschaften nach Geschäftsschluß ins Blaue zu fahren. "Im Kino kommt sowieso nur Mist", sage ich, und das ist die Wahrheit, ich habe es überprüft. Autofahren. Warum auch nicht. In Amerika machen sie das jeden Abend so. An einer Ampel stadtauswärts spähst du an mir vorbei aus dem Seitenfenster, und fragst: "Kennst du den?" Ich drehe meinen Kopf und erkenne zu meinem Entsetzen Claudio in dem Wagen neben uns, mit einer Zigarette in der Hand gestikulierend, grimassierend. Claudio ist eine Art Freund. Wir kennen uns vom Studium. Er ist nicht wirklich blöd, aber manchmal ein wenig ... grobkörnig, und er wäre durchaus in der Lage, jetzt die Scheibe herunterzulassen, und einen Spruch abzudrücken wie: "Na, alter Knabe, verkehrstechnisch alles in Ordnung?" "Kenn ich nicht", sage ich, "nie gesehen." Es klingt nicht sehr glaubwürdig. Als Claudio tatsächlich die Scheibe herunterläßt, springt die Ampel auf grün, und wir verduften. Eine ganze Zeit lang mache ich mir keine Gedanken darüber, wohin wir fahren, aber du steuerst so zielsicher auf die Wildnis zu, daß es mir ein wenig zu finster um mich herum wird. Die Dörfer werden kleiner und kleiner, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß du diesen Weg recht gut kennst. Dein Handy klingelt, aber du nimmst es nur in die Hand, um es abzuschalten. Als du auf einen Parkplatz am Waldrand einbiegst, und die Innenbeleuchtung einschaltest, bin ich so verunsichert, daß du mir ins Gesicht lachst. "Ich beiße nie." Du lehnst dich zu mir herüber. Du riechst gut. Kein bißchen nach Brot."Ich will nicht wissen, wo du wohnst", sagst du. "Ich will nicht wissen, wie du heißt. Du hast bei mir daheim nichts verloren, und ich werde dir meinen Namen nicht sagen." Dann küßt du mich, bevor ich mich zieren kann. Es ist nicht sehr damenhaft, und ich bin auch noch angeschnallt, aber deine Erste-Hilfe-Griffe sitzen auf Anhieb, und es wird sehr warm.
Anmerkung: die "Drei Vorstellungen" sind nicht in der gedruckten Version der sinn-haft nr 16 enthalten, sondern werden als besonderer Bonus hier im Web veröffentlicht.
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