sinn-haft

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archiv: nr 14/15 - monopolis

Editorial

von Redaktion

sinn-haft lässt sich vertreiben und hat sich Globalisierung und Stadtforschung verschrieben


Monopolis. Globalisierung und Stadtforschung, die vorliegende Nr. 14/15 der Zeitschrift sinn-haft stellt in mehrfacher Hinsicht ein Novum dar.

Zum einen hat das hyper[realitäten]büro in seiner Eigenschaft als Herausgeberin der sinn-haft erstmals eine Ausgabe einer Veranstaltung gewidmet. Im Oktober 2002 fand am Wiener Institut für Kulturwissenschaften ein internationaler Workshop mit dem Titel Globalization and Urban Studies: How to study the Metropolis in Transition statt. Vorträge des Kongresses bilden das Grundgerüst dieser sinn-haft.

Zum anderen geht die sinn-haft mit dieser Ausgabe in den Vertrieb des Löcker Verlages, mit dem sie neben ihrer Heimat (Wien) unter anderem die kulturwissenschaftliche Ausrichtung teilt. Jede sinn-haft ist ab jetzt so etwas wie ein kleines Buch.

Darüber hinaus bietet Monopolis. Globalisierung und Stadtforschung noch eine andere Neuheit in der 7-jährigen Geschichte der sinn-haft: Nummer 14/15 ist die erste sinn-hafte Doppelnummer.

Proudly to be presented - das Anliegen des hyper[realitäten]büros lautet seit 1996: Wissenschaftsentertainment.
Wir transportieren kulturwissenschaftliche, manche sagen auch: geistes- human und sozialwissenschaftliche Diskussionen mit möglichst hohem ästhetischen Gehalt.
Unsere Produkte sind digital und analog erhältlich. Nummer 14/15 der analogen Serie möchte von Ihnen gelesen werden. Dafür bietet sie einiges:

Die Beiträge dieser sinn-haft bewegen sich in den Spannungsfeldern von Globalisierung und (lokaler wie globaler) Stadtentwicklung, von politischer Ökonomie und Kulturanalyse, von Einzigartigkeit und Vergleichbarkeit, von Armut und Reichtum, von Bevormundung und Aneignung in und von urbanen Räumen.
Die Fragen, die diese Zusammenstellung verschiedener wissenschaftlicher Ansätze zu beantworten hilft, sind grundlegender Art: Welchen Beitrag kann vergleichende Stadtforschung zu den Kulturwissenschaften leisten? Welchen zur geographisch-politikwissenschaftlichen Forschung?
Neben Artikeln bekannter StadttheoretikerInnen zu methodischen Fragen finden sich in Monopolis. Globalisierung und Stadtforschung Darstellungen zu Fallbeispielen (Mexiko City, Marseille, Riga, Berlin, Washington). Abgerundet haben wir den akademischen Diskurs mit einer Reise um die Welt in Form von – lediglich minimal redigierter – Weltenbummler-Mails.

Vorerst jedoch ein Reisebericht von der Durchquerung der Kluft zwischen Kulturwissenschaften und Politischer Ökonomie, zwischen Globalisierung und ihren lokalen Auswirkungen, zwischen NachwuchswissenschaftlerInnen und anerkannten ExpertInnen.

Das Konzept des Workshops Globalization and urban Studies: How to Study the Metropolis in Transition:

  • Die häufig praktizierte Aufteilung der Stadtforschung in wirtschaftliche und soziale Entwicklungen einerseits und kulturelle Dynamiken andererseits zu überwinden. Ziel war, „Cultural Studies“ und „Politische Ökonomie“ nicht als zwei Disziplinen oder gar oppositionelle Herangehensweisen an die Stadtforschung zu sehen.
  • Methodologischen und theoretischen Fragen der Stadtforschung Raum zu geben. Fallstudien sollten die Folie bieten, vor der die „Praxis des Forschens“ entwickelt werden sollte.
  • Einen Dialog zwischen arrivierte ExpertInnen und NachwuchsforscherInnen zu stimulieren.

Der erste Tag
Der erste Tag des Workshops beschäftigte sich mit dem Imaginären der Stadt. Dieses Thema, noch vor einigen Jahren nahezu unbekannt, verspricht eines der spannendsten Felder zukünftiger urban-studies zu werden. Der Fokus auf das Imaginäre bietet nicht zuletzt einen Weg, um sich mit den Effekten der Globalisierungstheorie, vor allem mit der tendenziellen Ortlosigkeit, auf produktive Weise auseinander zu setzen.
Dieser Teil des Workshops beinhaltete eine Mischung aus konzeptuellen Entwürfen und empirischen Fallstudien. Die Mischung erwies sich als außerordentlich produktiv, da Theorie materialiter angereichert bzw. in Frage gestellt und Empirie konzeptuell vertieft werden konnte.
Alan Blum (York University, Toronto) betonte die „two-headed-ness “der Stadt und der Erzählungen über sie, nämlich einerseits funktional (und damit im gewissen Sinne: wie alle anderen), andererseits spezifisch zu sein, ein Ausdruck der Einzigartigkeit der jeweiligen Stadt. Damit formulierte Blum einen Rahmen für die Konferenz: das Spannungsfeld von Allgemeinen und Besonderen.

Eine Grundsatzfrage, die den workshop begleitete, war die nach dem Verständnis des Basiskonzepts des Imaginären der Stadt und dessen Bezug zu ‘verwandten’ Konzepten wie Image, Ideologie und Mentalität. Dabei interessierte vor allem das Verhältnis von Imaginärem und Image, das versuchsweise als ein Verhältnis von Tiefe und Oberfläche, metaphorisch mit Theodor Geiger: als „Haut “und „Gewand“, gedacht wurde.
Die Dimension des Imaginären erwies sich als analytischer Dreh- und Angelpunkt auch bei der Diskussion der empirischen Fallstudien. Ein sich mehr oder weniger durch alle Beiträge hindurch ziehender Befund: Das „Imagining the Modern Metropolis“ (Donald) vollzieht sich im Kontext der Globalisierung als „Re-Imagining“. Das wurde insbesondere beim Vortrag von Irina Novikova über die Bemühungen der Stadt Riga deutlich, sich im Transformationsprozess als Hansestadt zu re-imaginieren. Versuche dieser Art, sich in einem globalisierten Kontext zu positionieren, werfen die entscheidende Frage nach der Kontinuität im Wandel auf: Worin besteht das symbolische Kapital, welches sind die „Texte“, auf die die „Imagi-neure “zu Zwecken der Re-Imagination eines Ortes zurückgreifen? Das Konzept der „kumulativen Textur“ (Suttles(Lindner)) der diachronen Tiefe und synchronen Breite der imaginativen Struktur scheint hierfür gut geeignet zu sein.
Daniel Winkler sah in seinem Vortrag Film als zentrales Medium der „kumulativen Textur“. Am Beispiel Marseille zeigte er, wie die filmische Tradition von den 1930ern (Marcel Pagnol) bis heute (Robert Guediguian) zur kulturellen Kondensation des Imaginären beigetragen hat.
Kathrin Wildner zeigte in ihrer Fallstudie auf, wie sich globale ökonomische und politische Prozesse im lokalen Raum manifestieren und materialisieren, sowohl auf der Ebene der architektonischen Umweltgestaltung wie auf der Ebene sozialer Interaktion und kultureller Praxis. Wertvoll für zukünftige Studien waren auch die methodischen Hinweise auf Wahrnehmungsspaziergänge, Raum-Zeit-Kartographie und mental mapping. Damit vertiefte Frau Wildner die Ausführungen von Sergio Tamayo methodologisch, der den Einfluss der Zapatista-Bewegung auf das Imaginäre einer urbanen Zivilgesellschaft am Beispiel von Mexico City aufzeigte und insbesondere auf die politische und kulturelle Artikulation von indigener countryside (mit den mystischen indianischen Traditionen) und der city als Ort und Hort von citizenship hinwies.
Es gibt, das war das Fazit, keine „leeren“, beliebig füllbaren Räume im Sinne des Container–Modells des städtischen Raums. Städtische Räume sind vielmehr „historisch imprägniert“ (Donald) und angefüllt mit Vorstellungen und Bedeutungen (Lindner). Unser Umgang mit diesen Räumen ähnelt daher eher einer Re-Imigination und Re-Vision, als dem Verfassen eines vollständigen neuen „Skripts“.

Der zweite Tag
Am zweiten Workshop-Tag stellte Peter Taylor (Loughborough University) die Studien der „Globalization and World City Study Group and Network“ vor. Er sprach insbesondere das Verhältnis von Theorie und Empirie an. Der Mangel an Untersuchungen über die Verbindungen oder Flüsse zwischen Städten auf Weltniveau stellt derzeit eines der zentralen Hemmnisse für weitere Erkenntnisfortschritte in der Stadtforschung dar.
Karin Fischer und Johannes Jäger griffen das Thema „Global City Forschung“ auf, in durchaus kritischer Weise. Ihre Kritik richtete sich primär gegen einen „ökonomischen Reduktionismus“. Sie plädierten für die stärkere Betonung der Handlungsperspektive und damit des Politischen, womit ein Brückenschlag zu der von Alan Blum eingeforderten Perspektive auf das „everyday life“ gelang. Ulrike Gerhard bildete den Abschluss des Themenblocks zu „Global Cities“. Unter Anwendung der Methoden von Peter Taylor und seinen Kollegen stellte sie Washington als „politische Global City“ in den Mittelpunkt ihrer Arbeit.
Bryan Roberts (University of Austin/Texas), einer der renommiertesten Stadtforscher zu Lateinamerika, zeigte, dass der Blick „auf den Süden“ ein „re-thinking“ der Theorien erfordert, die primär im Studium von Metropolen wie New York oder London entworfen wurden. Nichtsdestoweniger hielt er fest, dass Globalisierung „a matter of daily experience“ für die StadtbewohnerInnen in Lateinamerika ist.
Lourdes Beneria (Cornell University) konkretisierte diese Feststellung, indem sie soziale und räumliche Veränderungen in städtischen Haushalten ansprach, die sich durch die wachsende Informalisierung und Prekarisierung des Arbeitsmarktes ergeben. Die Analyse des Haushaltes in all seinen Dimensionen war vielleicht der Punkt, an dem am deutlichsten sichtbar wurde, dass die unterschiedlichen Perspektiven und Wissenschaftsdisziplinen einander ergänzen und so zu wirklichen Erkenntnisgewinnen führen können.
Abschließend demonstrierten Rick Tardanico (Florida International University) und Pablo Ciccolella (University of Buenos Aires), wie Globalisierung an konkreten Veränderungen in der Stadt untersucht werden kann: Einerseits am Arbeitsmarkt und andererseits an neu entstehenden Formen der räumlichen Segregation. Wieder zeigte sich, dass soziale Prozesse nicht von räumlichen zu trennen sind. Soziale Ungleichheit oder Verarmung sind nicht ort-los, sie finden in bestimmten Vierteln und deren Auf- oder Abwertung statt. Umgekehrt sind die konkreten Orte der Stadt (die „lokalen“ wie die „globalen“) niemals losgelöst voneinander. So wie Städte also „historisch imprägniert“ (Donald) sind, so sind soziale Beziehungen „räumlich imprägniert“.

Gute Reise!
Das hyper[realitäten]büro widmet diese sinn-haft allen AutorInnen und dankt für die angenehme und ergiebige Zusammenarbeit. Wir wünschen gutes Lesen und Gelesenwerden!
Dank auch an Christoph Parnreiter, der seinen Kongressbericht zur Ein- und Überarbeitung in dieses Editorial zur Verfügung gestellt hat und an die MA 7, die durch ihre Unterstützung zur Finanzierung dieses Bandes beigetragen haben.

Wien, im März 2003


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