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archiv: nr 13 - luxus

Freiheit auf zwei Rädern - Luxus 2002

von Thomas Jöchler

"Das worauf es ankommt, hat kein Duty-Free Shop zu bieten." Hans-Magnus Enzensberger 1996

Die Jahreszeit des Luxus ist der Sommer. Im Sommer ist alles im Überfluß vorhanden: Sonne, Wärme, Touristen, Zeit, Erschöpfung. Der Sommer in Wien 2002 begann auf ganz besonders luxuriöse Art und Weise:
An 250 eigens errichteten Ausgabestationen stellte der Fahrradclub viennabike (GmbH) über 1500 Gratis-Stadträder zur temporären Benutzung im innerstädtischen Bereich zur Verfügung. "Wie bei einem Einkaufswagen ist nur ein Pfand von 2 Euro notwendig" um "schnell und umweltfreundlich" in Wien unterwegs sein zu können, erklärte der Stadtrat für Stadtentwicklung und Verkehr "sein" Projekt.
Zwei baugleiche, jedoch farblich den beiden Hauptsponsoren angepasste Varianten der "Viennabikes" waren verfügbar: einmal im satten Blau des finnischen Mobiltelefonproduzenten Nokia ("Connecting People"), einmal im kräftigen Magenta des deutschen Netzbetreibers T-Mobile ("T-Mobile macht Wien mobil"). Dezent präsent auf beiden Radtypen die einheimische Kronen-Zeitung, von jeher auf kommunikative BürgerInnennähe bedacht.
Die Ausstattung der Räder genügte selbstverständlich allen verkehrstechnischen Vorschriften, eine Drei-Gang-Schaltung erhöhte den Fahrkomfort beträchtlich, breite Reifen verhinderten das Steckenbleiben in den in Wien weitverbreiteten Straßenbahnschienen. Kurzum, die Gratisräder waren als moderne und robuste Citybikes konzipiert – ein Meilenstein hin zu des Stadtrats deklariertem Ziel: "Doppelt soviel Radverkehr bis 2010".
Angesichts solch zukunftsträchtigen politischen Tatendrangs konnte die Realität wohl gar nicht anders als einen Strich durchs Kalkül zu machen, allerdings einen in der Logik der Anstrengung zutiefst begründeten. Die verschwenderische und eben dadurch luxuriöse Ausstattung der Stadt mit Fahrrädern, die definierterweise jenseits der kapitalistischen Eigentumslogik standen, versprach eine Verbesserung innerstädtischer Fortbewegung. Worauf die machtvolle Geste mit den Pfandrädern setzte, war die Akzeptanz der bei Strafe verordneten Aufhebung der Besitzverhältnisse. Allen und somit niemandem sollten die Fahrräder gehören, sie wurden der Allgemeinheit von der gemeinsamen Kraft aus Privatsponsorentum und Politik anvertraut – doch die Gabe wurde von der Bevölkerung, die nie darum gebeten hatte, nicht als solche angenommen, sondern als Ware erkannt, als solche behandelt und in Eigentum überführt. Welch skurriles Bild gab ein an der Aktion am Rande beteiligter prominenter Oppositionspolitiker ab, als er mit einem Bolzenschneider bewaffnet ein illegalerweise mittels Spiralschloss in Privateigentum überführtes Citybike wieder in den Schoß der Allgemeinheit zurückführte – ein vergeblicher Versuch Recht und Ordnung in eine gegen die zentrale Ordnung entworfene Sache zurückzubringen.
Dem "Schwund" an Rädern war auf diese Weise nicht beizukommen, innerhalb weniger Tage verschwanden mehr und mehr Fahrräder aus dem Pfandsystem, die Quote der vermissten Räder lag je nach Pressemeldung zwischen 30 und 50%. Eine Aufstockung des Bestands mit ein paar hundert zusätzlichen Rädern sorgte für kurzfristige Entspannung, von der nach wenigen Tagen jedoch nichts mehr zu spüren war.
Die Räder entschwanden zum überwiegenden Teil aus dem Stadtbild – war es Anfangs noch ein erhabenes Luxusgefühl gewesen, eines Rades habhaft zu werden, so wurde es kaum zwei Wochen nach Beginn der Aktion zur Seltenheit, überhaupt ein funktionstüchtiges Rad – also auch im Einsatz mit BesitzerIn – zu sehen. Ein gewöhnliches Massenprodukt (Fahrrad) wurde zum Objekt der Begierde einer Stadt, jedeR wollte eines haben, doch keineR konnte eines haben. Der Luxus der Geste, mit der die Fahrräder ohne Gewinnabsicht zur Verfügung gestellt worden waren, war dem Luxus der Erfahrung, zumindest einmal auf einem der Räder gesessen zu haben, gewichen.
Drei Faktoren für das Phänomen "Schwund" wurden alsbald ausgemacht: Missbrauch, Diebstahl, Vandalismus. So fließend die Grenzen zwischen den Phänomenen auch blieben (Missbrauch war auch die Verwendung der Räder jenseits der innerstädtischen Bezirke), aus Sicht der Projektbetreiber war weniger klar erkennbarer Diebstahl das Problem – ein Verlust an Rädern bis zu 10% war von Anfang an einkalkuliert – als vielmehr diverse ungeplante "Verbringungsorte" der Räder: In Innenhöfen, Stiegenhäusern, Kellern und Wohnungen wurde der Großteil der Räder gesichtet, gemeldet (Hotline!), vermutet, befürchtet.
Eine Variante des Missbrauchs war der Vandalismus, dem ebenfalls hunderte Räder zum Opfer fielen – wobei die Grenze zum Verschleiß infolge heftigen Gebrauchs nicht klar zu ziehen war. Kaputte Bremsen, verbogene Felgen, herausgesprungene Ketten, fehlende Sättel, gerissene Schaltkabel – es gab zahlreiche Möglichkeiten für eine erzwungene Außerbetriebnahme der Gratisbikes. Ein 10-köpfiger mobiler Einsatztrupp hatte mehr als genug zu reparieren, requirieren, rekommunalisieren – und konnte doch am Ende nur wenig verrichten.
Drei Wochen nach Projektbeginn kam die erwartete Reaktion der Betreiber: ein Ende der Aktion in der praktizierten Form, Einsammeln aller noch verfügbaren Räder, ein Neustart in wenigen Wochen mit Authentifizierung der BenutzerInnen via SMS-Code. Dem "Schwund", dem Entschwinden der Räder aus der Sichtbarkeit und Greifbarkeit soll ein Verfahren der mobilfunkgestützten Verortung entgegengesetzt werden, die Überwindung der Besitzlogik wird zurückgenommen, die Anonymität soll aufgehoben, die Gabe einer bestimmten Person zugeordnet werden, die zur Verantwortung zu ziehen ist, wenn jene abhanden kommt. Die Erhöhung der technischen Anforderungen an 1) die Fahrradstationen, 2) die Fahrräder, 3) die potentiellen BenutzerInnen soll die Ökonomie des Projekts ins rechte Lot bringen, der Verschwendung und dem Luxus wird ein Ende gesetzt.
Sofern die Technik hält, was ihr aufgebürdet wird, wird es nichts besonderes mehr sein, ein Citybike zu fahren, es wird möglich sein eines zu benutzen ohne es zu besitzen – aber es wird keinen Spaß mehr machen, halbe Tage und Nächte von einer Radstation zur nächsten zu streifen, immer auf der anonymen Suche nach dem begehrten Gut, immer im Austausch und in Konkurrenz mit den anderen Sehnsüchtigen, die es auch einmal erleben wollen – was es heißt, den Überfluss zu erfahren und das Banale geadelt zu wissen von den Blicken der Staunenden und Besitzlosen.


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