Umgekehrte Apokalyptik: Zur Phänomenologie der autoparalysierten Vernunft
von Florian Oberhuber
Ich erinnere einen Artikel aus den "Salzburger Nachrichten". Er referierte eine Untersuchung, die nach dem wohlüberstandenen Eintritt in das neue Jahrtausend die diversen, vor allem ökologischen Katastrophenprognosen der letzten Jahrzehnte Revue passieren ließ. Angefangen von den Computermodellen des Club of Rome bis zu den Massenprotesten gegen das Waldsterben hätte sich der Großteil der Warnungen als unbegründet oder überzogen herausgestellt. Ein Überschuss an Angst und Pessimismus sei auch in den nüchternsten wissenschaftlichen Untersuchungen enthalten, und die neunziger Jahre hätten zurecht eine Abkühlung des populären Katastrophismus gebracht.
Es ist richtig: Zurecht hat sich heute eine grundlegende Skepsis gegenüber Untergangspropheten, Weltrettern, Katastrophismen aller Art eingestellt. Die Massenmedien reagieren auf apokalyptische Übertreibungen prompt und zuverlässig. Die Fähigkeit zur Erkenntnis dieser Gefahr in all ihren Maskierungen ist so weit ausgebildet, dass der ironische Gebrauch apokalyptischer Motive zum täglichen Handwerk erwünschter Hysterisierung geworden ist. Es wäre eine eigene Sinn-haft wert, den latenten Folgen dieses Spiels mit der Katastrophe nachzugehen. Ich möchte den Problemkomplex einmal von der anderen, gewissermaßen der Rückseite angehen und fragen: Gibt es auch so etwas wie "umgekehrte Apokalyptik"?
Eine Vorbemerkung tut Not, wenn von umgekehrter Apokalyptik die Rede sein soll, wo uns immer neue Nachrichten von Tod und Terror erreichen. Selbstverständlich geht es nicht um eine Rechtfertigung von Attentätern, eine Umkehrung von Tätern in Opfer und Opfern in Täter. Gerade die Neigung zu Umkehrungen macht das Problem aus. Umkehrungen speisen sich aus der Polemik und geraten gerade deshalb in latente Komplizenschaft mit dem "Feind". Man heizt sich wechselseitig auf und produziert eine derartige moralische Zuspitzung des Antagonismus, dass abkühlende Interventionen "von außen" abprallen müssen. Das funktioniert wie eine durchdrehende Feedback-Schleife: "kommunikativer Wahnsinn", wenn man so will.
"Macht weiter, es kann nichts geschehen!"
Es fällt nicht schwer, die strukturellen Momente umgekehrter Apokalyptik aus jenen ihres "Gegenteils" abzuleiten.
Das Moment der Umkehrung betrifft erstens die Erzählstruktur: Antike und moderne Apokalypsen dachten vom absoluten Ende her, das ein Ende der Zeit selbst ist, und motivierten von da her die moralische oder aktivistische Botschaft an ihre Leser. "Kehrt um, denn der Untergang naht!" - Umgekehrte Apokalyptik setzt hingegen voraus, dass es ein solches Ende nicht gebe, oder wenn es eines gebe, dass wir es nicht erkennen könnten und es folglich keinerlei Relevanz für uns habe. Über diese Ablehnung des absoluten Endes hinaus macht ein Moment der Positivität den wiederum selbst historizistischen Charakter umgekehrter Apokalyptik aus: Die Welt ist nicht verloren, sondern schon je gerettet, es steht nicht der Untergang bevor, sondern Untergänge sind unmöglich, die Welt richtet sich nicht selbst, sondern sie hat eine unbegrenzte Fähigkeit zur Problemlösung usw.
In einem zweiten Schritt betrifft die Umkehrung die apokalyptische Handlungsanweisung. Der revolutionäre Aktivismus wird nicht nur negiert, sondern umgekehrt: Engagement sei per se potentieller Fanatismus. Wenn die Welt sich selbst rettet, erscheint Eingreifen als solches kontraproduktiv. Der geschichtsphilosophisch begründete Aufruf zum Handeln wird in ein ebenso begründetes Beharren umgekehrt: "Macht weiter, es kann nichts geschehen!" - Jenes "seinesgleichen geschieht", das die fragmentierte Moderne ausmacht, wird zur höchsten Instanz, die durch menschliche Vernunft und menschliches Handeln nicht erreicht, sondern nur gefährdet werden kann. "Gut" und "böse" werden gleichermaßen böse, wenn sie über das Private hinaus vertreten werden: in politicis nichts außer Ironie.
Altliberale Harmonie
Ihren prominentesten Vorfahren hat umgekehrte Apokalyptik wohl in den diversen Spielarten des Fortschrittsoptimismus, wie er seit dem 18. Jahrhundert die bürgerliche Welt prägte. Entgegen den Intrigen- und Kriegsspielen der Aristokraten und Fürsten, bisweilen auch gegen die "Finsternis" kirchlich dominierter Zeiten, zeugten die bürgerlichen Leistungsbereiche wie Technik und Ökonomie vom Fortschritt der neuen Ära. Sowohl der lange Blick zurück in die Geschichte, als auch jener auf die eigene Zeit bewiesen: Es geht voran, die europäische Zivilisation ist die Avantgarde der Menschheit.
Das dynamisierte Erleben der Welt, deren Wesen gleichsam mit einem Zeitpfeil versehen wurde, war von Beginn an metaphysisch untermauert worden. Das emanzipierte Bewusstsein sicherte seinen Sprung in die Freiheit mit einem Fangnetz, das es sich aus dem theologischen Material der Heilsgeschichte knüpfte. Der französische Ökonom Frédéric Bastiat formulierte das in seinen Harmonies économiques so: "Ich glaube, dass Er, der die materielle Welt geordnet hat, auch die Ordnung der sozialen Welt nicht auslassen wollte. Ich glaube, dass Er die frei Agierenden ebenso zu kombinieren und in harmonische Bewegung zu setzen wusste wie die leblosen Moleküle. Ich glaube, es ist für die allmähliche und friedliche Entwicklung der Menschheit ausreichend, wenn diese Tendenzen ungestörte Bewegungsfreiheit erlangen."
Gegen "Sozialisten in allen Parteien"
Bei einem Ökonomen des vorigen Jahrhunderts lässt sich die Verbindung des altliberalen Progressismus mit dem Moment der Umkehrung studieren. Friedrich August v. Hayeks evolutionistischer Ökonomismus erhielt seine Gestalt aus der polemischen Absicht gegen den großen geschichtsphilosophischen Gegenspieler. War dieser mit dem Willen angetreten, "Geschichte selber zu machen", so lautete von Hayeks Programm gerade umgekehrt: Geschichte machen lassen.
Als gelernter Ökonom griff von Hayek auf den altliberalen Harmonismus zurück, den er evolutionistisch und informationstheoretisch modernisierte. Er beschrieb die Institution des Marktes als Mittel einer dezentralen Koordination von Intelligenz. Indem der Markt die verstreute Intelligenz, die menschlichen Pläne und Wünsche sammle und koordiniere, sei er weiser als jede Planungsbehörde es sein könne. Auf spontane Weise schaffe er die im Sinne der Marktteilnehmer jeweils bestmögliche Ordnung. Im Analogieschluss gelte dies für die Geschichte im Gesamten: Das freie Spiel der Kräfte verbürge ein im evolutionären Sinn optimales Ergebnis. Das Funktionieren des Markts repräsentiert hier die Einheit einer natürlichen Ordnung des Kosmos und ist Modell für den geschichtlichen Prozess. Wie im Marktgeschehen, so gelte allgemein: Jede Art von bewusster, geplanter Intervention ist notwendigerweise kontraproduktiv.
Von Hayek schrieb vor dem Hintergrund der kommunistischen Gefahr, dem ideologisch übermächtigen Gegner im europäischen Bürgerkrieg. Gegen die "Sozialisten in allen Parteien" betonte er die inhärente Weisheit gewachsener Strukturen, Moral und Traditionen sowie die Relativität allen politischen Handelns. Dem Plan der Kommunisten stellte er den Markt entgegen, dem kollektiven Handeln des Klassensubjekts das Handeln verstreuter Individuen, der Utopie der Gleichheit die irreduzible Ungleichheit zwischen den Menschen. Sollten die Menschen für diese bescheidene Perspektive begeistert und gegen die kommunistische Versuchung geimpft werden, so war die geschichtsphilosophische Tröstung, die Hayek gleichzeitig verabreichte, wohl nötig: Umkehrung der Apokalypse als Gegengift?
Abschied von der Geschichtsphilosophie?
Seit Beginn der Nachkriegsära war die philosophische Kritik der Geschichtsphilosophie von verschiedenen Seiten geleistet worden. Einen massiven Aufschwung gewann sie durch die Aufdeckung der stalinistischen Verbrechen und den ökonomische Niedergang des in den 50er Jahren noch als überlegen erlebten Sowjetimperiums. Nun begann sich auch die linke Intelligenz von den apokalyptischen Aspekten des Marxismus zu distanzieren: Das politische Handeln vom Geschichtsziel her, so die Argumente, legitimiere entgegen konkreter Moral am konkreten Anderen eine totalitäre Einstellung des "Wo gehobelt wird, da fallen Späne". Anstelle der "Kunst des Möglichen" werde Politik zum Dienst am Absoluten und der Feind zum absoluten Feind, womit selbst Exterminismus zur moralischen Pflicht werden könne.
Spätestens 1989/90 brachte den endgültigen Triumph von Skepsis und postmodernem Pluralismus über geschichtsphilosophische Verpflichtungen auf die heile Zukunft. Die neunziger Jahre waren vielleicht der Höhepunkt einer Bewegung, die sich grundsätzlich (und, allzu oft, aus der Logik der Umkehrung) gegen die großen Erzählungen, gegen den Essentialismus, gegen das Subjekt usw. wandte. "Das Jahr 2000 findet nicht statt", hatte Baudrillard diese ganz und gar anti-millenaristische Stimmung auf den Punkt gebracht.
Bereits der Erfolg von Francis Fukuyamas End of History deutete jedoch an, dass das "Ende der Geschichte" nicht auch ein Ende historizistischen Denkens sein musste, denn Fukuyama begründete seine These gerade damit, dass Hegel Recht gehabt habe: Die Reise des Weltgeists kennt ein gutes Ende. - Wenn Marx die Umkehrung Hegels war, so war Fukuyama die Umkehrung von Marx. Er verwandelte den apokalyptischen Aktivismus in eine progressistische Apologie des Status quo.
Umgekehrte Apokalyptik als absolute Skepsis
Der Mensch neigt dazu, könnte man alltagsnäher sagen, den Untergang (das Versagen, die Widerlegung usw.) des einen zugleich und darüber hinaus auch für den Beweis seines "Gegenteils" zu halten. Der Kommunismus ist tot, also ist der Westen die historische Wahrheit (eine Vorstellung, die man hinterrücks vom besiegten Gegner gestohlen hat), der Club of Rome hatte Unrecht, also gibt es kein ökologisches Problem usw. - So eingängig uns Katastrophismen waren und sind, so gerne hören wir auch, das alles in Ordnung ist, dass von Grund auf Harmonie herrscht, dass wir uns behütet und beschützt fühlen dürfen. Menschen glauben mit Vorliebe an unsichtbare Hände, Augen und Ohren aller Art.
Wenn die Geschichtsphilosophie sagt, dass Veränderung per se Verbesserung sei, sagt ihre Umkehrung, dass der Wille zur verbessernden Veränderung per se das Böse sei. Entgegen dem altliberalen Harmonismus gibt sich der gegenwärtige jedoch skeptisch. Er rechtfertigt sich gerade dadurch, keine metaphysischen Fundamente für seinen Glauben angeben zu wollen. Wenn er den Status quo lobt und den Westen als beste der möglichen Welten ausgibt, tut er es mit Rortyscher Ironie. Was aber berechtigt seine Position in diesem Fall, wenn nicht doch ein historisches Bewusstsein (vom Ende der Geschichte)?
Ironie, Relativismus und Skepsis scheinen nur allzu leicht in umgekehrte Apokalyptik zu kippen. Wie könnte man auch Skeptiker sein, den Relativismus haben wie ein Gut und ihn besetzen wie einen Ort? Relativist sein kann nur der Beobachter außerhalb der Welt, dem alles in seinen absoluten Relationen erscheint. Der Beobachter in der Welt kann immer nur bestimmtes Anderes relativieren, sich skeptisch gegenüber anderen Positionen verhalten. Die Skepsis ist kein Ort, sondern eine momentane Passage, ein prekärer Balanceakt, eine Politik des Ortswechsels nach den polemischen Erfordernissen des Augenblicks. Odo Marquard hat diese Skepsis als Erfahrung einer verlorenen Identifikation in seinen Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie so beschrieben: "Indem die Geschichtsphilosophie erfolgreich und folgenreich ... wurde, blieb der Verfasser ... beim Part des Argwohns. ... Meine Position wurde - und dabei mochten subjektive Faktoren begünstigen; ich bin das geborene Trojanische Pferd: vor allem leer, solange nicht alte Griechen in ihm sitzen - die der eschatologischen Unke, des transzendentalen Defätisten; daß es bös enden wird mit dem guten Ende, das die Geschichtsphilosophie betreibt ...". (S. 22) Das Ergebnis ist Skepsis, und: "... gerade weil die Skepsis ins Spiel kommt, weiß ich auch nicht, ob die Skepsis recht hat." (S. 32)
Gegenwärtige umgekehrte Apokalyptik ist absolute Skepsis: Programmatik des Desengagements, des Status quo, der prinzipiellen Absage an politische Vernunft und kollektives Handeln. Die richtige und das 20. Jahrhundert prägende Erfahrung, dass das Politische mit seinem Zug zur Totalität gefährlich sei, führt hier in falsch verstandenem Liberalismus in eine Verdrängung des Politischen - Frage der Gestaltung des gemeinsamen Zusammenlebens - als solchem. Es folgt eine eigenartige Autoparalyse der Vernunft. Sie verliert ihre Weltoffenheit in dem Maße, als sie sich darin befestigt, jene absolutistische Gefahren aufzuspüren und zu entlarven, deren Umkehrung sie ist. Ihr "Macht weiter, es kann nichts geschehen!" ist nicht empirisch begründet, ja überhaupt nicht aus sich selbst begründet, sondern mit der Widerlegung seines "Gegenteils": Weil jene nicht Recht haben, die den Untergang predigen, darum ist alles in Ordnung.
Hier wird jeder Fanatiker zum Glücksfall im Unglück. Der absolute Skeptiker fühlt sich bestätigt, seine Position scheint ihm neuerlich gesichert. Vielleicht ließe sich dieses Bewusstsein auch als Strategie der Angstbeseitigung interpretieren und genau darin, Angst nicht zuzulassen, eine Erkrankung am Weltbezug vermuten.
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