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archiv: nr 13 - luxus

Magnetismus, Elektrizität und Luxus

von Florian Oberhuber

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Der Archetyp des "Vaters" repräsentiere nicht mehr den herrschenden Typus sozialer Macht, schrieb der französische Soziologe Gabriel Tarde (1843-1904) ein Jahr vor dem Erscheinen von Sigmund Freuds "Traumdeutung". Der "sichtbaren" Autorität der Staatsmänner und anderer werde der Rang abgelaufen von der "unsichtbaren" Autorität all der Journalisten, Redner, Literaten, Poeten, Künstler, Prominenten und so fort. Als Metapher dieses neuen Machttyps schlug Tarde das "Genie" vor als jenem, an dessen besondere Begabung geglaubt wird, dem besondere Kräfte zugeschrieben werden, dessen Überlegenheit anerkannt, der bewundert und nachgeahmt wird: Macht der "Stars" also, auch Macht des Glitter und Glamour, Macht des Luxus.
Tarde, wenn er so schreibt, scheint uns als ferner Zeitgenosse. - Paris war eben die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, sodass ein feinsinniger Beobachter die Konturen des Kommenden wohl ablesen konnte. Tarde diagnostizierte denn auch, dass es ein neue Art von Gesellschaft sei, die den neuen Typus sozialer Macht hervorbringe: eine Gesellschaft, deren Individuen durch tausend kleine Kanäle verbunden sind, ausgesetzt den unmerklichen psychologischen Kraftlinien, wie sie vor allem von den neuen Massenmedien ausgehen. "Stellen Sie sich einen Menschen unter Hypnose vor", schrieb Tarde in Les lois de l'imitation (1890-1900), "der die Imitation seines Mediums so weit treibt, dass er selbst Medium wird und einen Dritten ansteckt (magnetisiert), der wiederum ihn imitiert und so fort. Ist nicht so das soziale Leben?" (Neudruck 1993, 91-92)

Die Stelle erinnert an einen Aufsatz, den siebzig Jahre früher der Historiker und spätere Ministerpräsident der Julimonarchie François Guizot (1787-1874) verfasst hatte. Wo Tarde den Magnetismus als Metapher verwandte, sprach Guizot von einer "société électrique". (Kurz vor Erscheinen des Textes hatte der dänische Physiker Hans Christian Örsted die Richtkraft der Elektrizität auf eine Magnetnadel entdeckt). Die moderne Gesellschaft sei als eine Art kommunikatives Kräftefeld zu verstehen, wo die Interessen, Ideen und Gefühle der Menschen sich gegenseitig beeinflussen und nach einander ausrichten. Es sei eine Gesellschaft, "wo alles sich weiß, sich propagiert, wo Millionen Menschen unter ähnlichen Bedingungen und analogen Gefühlen gegenseitig von sich wissen." (De la peine de mort en matière politique, 1822)
Guizot hatte diese Beschreibung noch mit einer politischen Theorie verbunden, die eine gute Regierung gleichsam als Kopf des sozialen Organismus vorstellte. Alle Partikel an Intelligenz, Wahrheit und Gerechtigkeit, die im sozialen Körper verstreut sind, müssten an regierender Stelle gesammelt werden. Tarde teilte diese Vorstellung einer zentralen Intelligenzsammlung und politischer Steuerung als "Souveränität der Vernunft" nicht mehr. Er beschrieb die dezentralen sozialen Ströme der Imitation, der Moden, der gegenseitigen "Magnetisierung" usw.: Soziologie der Transformations du Pouvoir (1899).



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