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archiv: nr 13 - luxus

Warum man nie genug Schuhe haben kann

von Wolfgang Pauser

Kürzlich habe ich einer jungen Dame meines Herzens den Warengutschein eines Schuhgeschäfts geschenkt. Nicht dieser dürre Sachverhalt, der an sich nur die Einfallslosigkeit des Schenkers dartun könnte, erheischt die Aufmerksamkeit eines breiteren Publikums, sondern seine Interpretation, die ich in Form eines Briefes dem Geschenk - als Teil desselben - beilegte. Mein Deutungs-Zusatz verstieg sich, nach einigen einleitenden Gunstbeteuerungen, zu folgenden Sätzen:

"Meine Gedanken kreisen derzeit um den Akt des Konsumierens, insbesondere darum, diesen nicht als Akt der Aneignung eines identisch bleibenden Gegenstandes zu interpretieren, sondern als Akt der Uminterpretation und Verwandlung des Konsumgegenstandes, als Transsubstantiation (ganz im religiösen Sinne), als Lektüre mit der dabei auftretenden Sinnverschiebung, als thanatologischen Gefährdungsakt nicht bloß des idealisierten, imaginativ aufgeladenen Dings, sondern gleichzeitig der subjektiven Identität des Konsumenten, deren Halt ebenfalls wegrutscht, wenn Ich und Ding sich zu fusionieren und damit sich einander anzuverwandeln versprechen: das Ding wird beim Kauf lebendig, transformiert mich, indem es Teil von mir wird, und ich werde ein wenig dinglich mit der neuen Zusatzausstattung, der prothetischen Icherweiterung, mit der ich mich in einem ersten Schritt identifizieren muß und von der ich in einem zweiten hinterher meine Identität ablesen kann. Dem Ding kommt dabei wohl die Aufgabe zu, in seiner stabilen Materialität den eben beschriebenen semantischen Metabolismus, das ganze statthabende Wandlungs- Austauschungs- und Recodierungswesen, zu dementieren, zum Verschwinden zu bringen, in sich zu verschließen: dies ist das Unbewußte des Dings selber, und das Ding wäre sonach "Unbewußtheitsverschluß" (R. Heinz) aller Übergangsphänomene, in denen es permanent ein anderes wird und sein Konsument auch, sodaß die Dementiarbeit nicht nur der Dingwandlung, sondern zugleich der Identitätsverschiebung des konsumierenden Subjekts gilt: Transsubstantiation unter der Hand. Demnach geht es beim Konsum in Wahrheit nicht ums Ding, sondern um die Differenz, um den Übergang, um die Verschiebung, um die Aufschiebung. Ein Warengutschein erscheint mir in diesem Zusammenhang als das ideale Geschenk, wegweisend für die ökologiebedingte Immaterialisierungsnotwendigkeit des Konsums. Der Gutschein gestattet es, den Akt des Konsums zu verdreifachen, ohne daß sich dabei der Material- und Energieverbrauch steigert. Ich hatte den Genuß, in das Geschäft zu gehen und den Gutschein zu kaufen. Du, liebe Freundin, hattest den Genuß, den Gutschein (ein Semi-Ding, Pseudo-Ding) auszupacken und Dir anzueignen, wobei sich von diesem Aneignungsakt der dingliche differenziert und weiter aufschiebt. Mit dem Dingerwerb schließlich tritt ein weiterer Verwandlungsakt ein, und bis dahin wird die Kette der Substitutionen Dich vielleicht dazu verführt haben, einen weiteren kleinen Aufschub in den Aneignungsprozeß (der zugleich ein Vernichtungsprozeß ist) einzuführen, indem Du die Schuhe nicht gleich anziehst, sondern schön eingepackt erst einmal mit nach Hause nimmst, sie dort einigen Leuten zeigst, bevor du sie ihrem Schicksal, von Dir mit den Füßen zertreten und zernichtet zu werden, anheimgibst, freilich auch dies verzögert durch Strecker, Schuhcremen, vorerst seltenen und schonenden Gebrauch (nicht bei Regen!), als ob mit solchen Verzögerungsritualen auch ein Stück von der eigenen Sterblichkeit mit aufzuhalten wäre. Schuhe sollen möglichst lange wie neu bleiben, obwohl, nein, gerade weil es keinem Ding so unmöglich ist, neu zu bleiben, wie dem Schuh. Wandlung und dingliches Dementi treten beim Schuh in besonderer Weise zusammen. Er ist das Fetischismusobjekt schlechthin, weil er, in dem er Hülle ist, auch in seiner vollkommensten Objekthaftigkeit, in der Auslage, auf ein Fehlen, auf eine Füllungsnotwendigkeit hinweist. Was ihm fehlt, ist das an der Frau, was am wenigsten Frau ist: der phallisch gestreckte Fuß. Steckt der Fuß im Schuh, so verschiebt diese Fusion den Ort des Fehlens weiter, an einen geheimen Ort oberhalb der Frauenbeine. Es ist dieser Vollzug einer unvermeidlichen Verschiebung, der im Ding zugleich aktualisiert wie verdeckt wird. Das Ding als scheinbar geronnene Differenz verspricht Aufenthalt und Präsenz. Sein Weiterverweisen geht in seiner Materialität unter. Der Schuh, wie er selbstgenügsam, entzeitlicht, als vollkommenes Objekt in der Auslage steht, ist deshalb das Objekt schlechthin, weil kein anderes Objekt so gefährdet ist in seiner Autarkie und Integrität, wie der Schuh. Er artikuliert die narzißtische Vollständigkeitsphantasie, indem er die vergegenständlichte Unvollständigkeit schlechthin ist. Die glanzvolle Verselbständigung des Schuhs als Ding in der Auslage ist zugleich dramatische Darstellung und Verleugnung des Fehlens, der Lücke, in die hinein sich die Verschiebung, die Recodierung einschreibt. Vergessen wir dabei nicht, daß das Leder - stammesgeschichtlich betrachtet - immerhin die abgezogene Haut des Beutetieres ist, was dem Jäger-Mann Gelegenheit bietet, sein blutiges Aufspießungsgeschäft häuslich symbolisch zu verkehren (den Spieß umzudrehen) und mit seinem Arbeitsprodukt Hülle der Frau werden zu können. Mit ihrem Füßchen spießt nun die Frau das tote Tier nochmals auf, um es wieder zum Leben zu erwecken, sie lehrt die Beute laufen, bringt in Verkehr und wird so selber als vom Mann verpackte zu dessen Jagdbeute zweiter Ordnung. Ihre Kompetenz ist es, das tödliche Aufspießen umzukehren in ein produktives, zeugendes, füllendes, animierendes. Die Frau vermag die destruktive Weltpenetration des Mannes produktiv zu wenden, sie ist die Klammer bzw. Matrix, innerhalb derer sich die männliche lineare Progredienz bricht, aufhält, verzögert und umwendet. All diese Verhältnisse mit dabei zu haben (con sum) im Augenblick der phantasmatischen Verschmelzung von Subjekt und Objekt, Frau und Schuh, im zu traumatisierenden Akt eines Selbstuntergangs im Ding und einer Selbstwiedergeburt als narzißtisch zur Gänze Ergänzte, Beschuhte eben, in glorioser Selbstverdinglichung (damit verbunden Totheitsantizipation als höchste Form von Lebendigkeit) - diese Ergänzung des Schuhkaufs um einen Kontext, einen Con-Text, magst Du, liebe Freundin, als das eigentliche Geschenk annehmen. In Ermangelung größerer finanzieller Mittel kann ich Dir nicht schenken, was Du Deinem Status als nimmersatte Luxuspuppe ("ich will alles und das sofort"), als Repräsentantin eines unendlich mit Konsumdingen zu sättigenden Mangels, verdient hättest. Da ich aber überzeugt bin, daß Konsum prinzipiell ein immaterieller Akt ist, dem die Dinge nur als Signifikanten dienen, magst Du dich mit meinen interpretativen Zusatzsignifikanten über das Fehlen einer Materialität hinwegtrösten, die anzueignen auch mit den größten Quantitäten von Konsum nicht möglich gewesen wäre."


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