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archiv: nr 13 - luxus

Paolis Luxusartikel vom 13. Juni 1867

von Karin S. Wozonig

In den Salons der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geht es drunter und drüber, aber geordnet, und wer dabei war, weiß das zu schätzen: "Die Geselligkeit ist nicht nur ein edler Genuß mehr im Leben, sie ist zugleich ein mächtiges Förderungsmittel. Zudem sie die durch Stand, Beruf und Richtung Getrennten mit einander in Berührung bringt, arbeitet sie unmerklich, aber unaufhaltsam an der Beseitigung unzähliger Vorurtheile, welche mehr als die wirklichen Interessen die Menschen entzweien." Diese gepriesene Geselligkeit erweitert unseren Blick, "indem sie uns zum Verständnis fremder Ansichten, fremder Bestrebungen führt" und hat zudem einen "sittigenden Einfluß", der "in dem unbefangenen, durch keinen Nebengedanken getrübten Verkehr beider Geschlechter" liegt. Für die Nebengedanken wäre auch gar kein Platz im Salon dieser Art, zum Beispiel in dem des Fräulein Solmar in Berlin um 1850, denn dort unterhielt man sich "über die Tagesereignisse, man debattirte über Politik, Kunst und Literatur, nicht oberflächlich, wie der fälschlich gut genannte Ton es vorschreibt, nicht schwerfällig wie eine Pedanten Versammlung, sondern mit der heiteren Unbefangenheit, die ein Attribut echter Bildung ist, ernst oder launig, wie die augenblickliche Stimmung es mit sich brachte." Die Atmosphäre war ausschließlich von "edleren Interessen" erfüllt und eingeladen wurde, wer für atmosphärisch verdichtend gehalten wurde. Das gleiche Bild in Wien, bei Henriette Pereira, bei Hammer-Purgstall oder bei Walther: "Dort fand der Fremde die beste Gesellschaft Wiens vereinigt, der Einheimische Gelegenheit, mit den socialen, wissenschaftlichen und künstlerischen Notabilitäten des Auslandes in Berührung zu kommen. Liebenswürdige Frauen, bedeutende Männer, welchem Lebenskreise sie auch angehören möchten, trafen dort zusammen, in zwanglos heiterem Verkehre sich wechselseitig fördernd und ergänzend."

Und dann wird langsam aber unaufhaltsam alles anders, in der Zeit des Liberalismus, in der Ringstraßenära. Und woran liegt das? Am Luxus. 1867 schreibt meine Zeugin des geistigen Verlusts durch materiellen Gewinn, Betty Paoli: "Es fehlt nicht an Leuten, die hie und da glänzende Feste geben, aber Niemand hält mehr ein offenes Haus, das Tag für Tag einen geselligen Mittelpunkt böte ... Ein übertriebener Luxus und die Ostentation, die seine unzertrennliche Begleiterin ist, lassen keine wahre Geselligkeit aufkommen ... Niemand sagt sich mehr, daß ein Salon den wahren Glanz durch die Menschen erhält, die ihn besuchen, nicht durch die darin aufgestapelten Kostbarkeiten, nicht durch die darin paradirenden Toiletten." Betty Paoli beklagt - an der modernen Ökonomie partizipierend - den Untergang der geistreichen Geselligkeit als Feuilletonistin für das Leibblatt des liberalen Bürgertums. Der "maßlose Luxus" und der "Hang zum bequemen Sichgehenlassen", die gemeinsam der Salonkultur, wie Paoli sie aus vergangenen Zeiten kennt, den Todesstoß versetzen, sie sind "die nothwendigen Resultate des Materialismus, der mehr und mehr bewußte oder unbewußte Jünger findet". Mit der religiös konnotierten Anhängerschar meint Paoli die neue bürgerliche Schicht der Zeit, die es sich leisten kann, ihre finanziellen Überschüsse für demonstrativen Konsum zu verwenden, anstatt sie zu re-investieren. Die Gewinner unter den Börsespekulanten und die bürgerlichen Aufsteiger verändern die Salonszene, machen auch aus dem Salon eine Börse, benützen interessensgelenkte Einladungen dafür, ihren Status zu repräsentieren, ihren Erfolg zur Schau zu stellen. "Es handelt sich nicht mehr darum, daß sich eine Gesellschaft unterhalte; ihr durch fabelhaften Aufwand zu imponieren, ist das Ziel, das man sich vorsetzt." Da man nicht einfach irgendwem imponieren will, ist es vorbei mit der weichtönigen Melange aus Bürgern und Adeligen, Geschäftsmännern und Künstlerinnen, die den Salon bis in die 1850er Jahre auszeichnet - nur im Burgtheater gibt es die auch später gelegentlich noch. Im Salon der Zeit des Liberalismus aber ist dem "unheilvollen Coteriewesen" - den Einladungen nach Berufsgruppen und entlang sozialer Grenzlinien, die mit bloßem Auge nicht sichtbar sind - die Bühne überlassen. Der Streuverlust soll gering gehalten werden, wenn "die wandhohen Spiegel ein Lichtmeer zurückstrahlen, ein ganzer Wald von exotischen Blumen seinen betäubenden Duft ausströmt, ein Heer von Dienern unter der Anführung eines majestätischen Majordomus jedes Winkes der Gäste gewärtig" ist. Auf dieser Bühne wird Ausstattungstheater gespielt, denn in den 1860er und 1870er Jahren sind wir mitten drin im hochgefahrenen Zivilisationsprozess, der Affektdämpfung und Verhaltenskontrolle fordert (N. Elias) und die Schaukünste befördert. Das bedeutet: berühren verboten, schauen definitiv erwünscht. Durch das Auge wird Lust unter Beibehaltung von Distanz vermittelt. Das wiederum führt zur Notwendigkeit von Dekor, Ornament, abundance, LUXUS, denn mit weniger gibt sich der zugleich domestizierte wie voyeuristische Blick nicht zufrieden. Die Folge für die Zusammenkünfte in halböffentlichem, überdekoriertem Raum ist verheerend: "Welcher geistige Gewinn oder Genuß läßt sich von diesen Haupt- und Staatsactionen erwarten, bei denen nur die Sucht zu glänzen ihre Rechnung findet? Ist es ein Wunder (...) wenn Eitelkeit und Prunksucht nur Langweile und Steifheit gebären?" Der Geist-zerstörenden Kraft des Luxus kann nur mit einem Mittel Einhalt geboten werden: mit "echter tiefgehender Bildung, die den sinnlichen Theil dem geistigen unterordnet". Als gern gesehener Gast sowohl in den Salons des (vorzüglich nach oben) sozial mobilen Bürgertums als auch der sich nach unten so gut wie möglich abgrenzenden Adelsschicht beschreibt Paoli bedauernd eine Veränderung der Gegebenheiten; dass das ein grundsätzlicher und anhaltender Funktionswandel der Institution ist, kann noch nicht deutlich ausgemacht werden.

Alle Zitate aus:
Betty Paoli: "Unsere Geselligkeit." Neue Freie Presse, 13. Juni 1867.


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