Von cosmopolitischen Palmen und anderen Luxusartikeln
von Renate Wöhrer, Veronika Wöhrer und Monika Wulz
Von den gläsernen Prachtbauten, die im 19. Jahrhundert errichtet wurden, um exotische Pflanzen in europäischen Metropolen zu kultivieren, war der Schritt zur Yuccapalme im Wohnzimmer nicht mehr so groß.
Palmenhäuser waren und sind bis heute Zeichen von Luxus: Exotik in Europa braucht Wärme und Platz. Pflanzen aus südlicheren Ländern auch den Winter über warme, hohe und helle Räume bieten zu können, bedeutet einen großen finanziellen Aufwand, den sich zunächst nur wenige leisten konnten. Kennzeichen eines großen, herrschaftlichen Hauses im 19. Jahrhundert war das Treibhaus oder der Wintergarten. In einem speziell konstruierten Raum wurden verschiedene exotische Pflanzen zu einem Stück fremder Natur in der Stadt arrangiert. Die Pflanzen waren schon am Anfang des Jahrhunderts von Abenteurern der Palmenforschung (Humboldt, Wallich, Martius, Bonpland, J. D. Hooker, Purdie, Karsten, Griffith, Linden, Hartweg, Jaquin, van der Schot, Boos) aus fernen Ländern ins kalte Europa gebracht worden. Sie ermöglichten dem europäischen Adel die Sammlung von exotischen Pflanzen als Schmuckstücken und Statussymbolen. Für diese mussten gläserne Räume gebaut werden, um in ihnen eine Welt der Exotik einzurichten und zu beheizen. Das erste Palmenhaus wurde 1848 im königlichen botanischen Garten zu Kew (England) fertiggestellt. In seiner dreiteiligen Form mit einer Haupt-, zwei Nebenkuppeln und einer Galerie in Höhe der Baumgipfel war es Vorbild für das Wiener Palmenhaus, das Franz Joseph I. 1880 in Auftrag gab und das zwei Jahre später eröffnet wurde. Es wurde zum Aufbewahrungsort für botanische Besonderheiten, die schon in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts von Sammelexpeditionen auf kaiserlichen Auftrag hin mitgebracht worden waren. Am Anfang des Jahrhunderts noch adeliger Luxus in Form von beheizten Wintergärten im privaten Innenhof oder Garten, wurden Palmen und andere exotische Pflanzen später auch Teil des bürgerlichen Lebens, jedoch in bescheideneren Versionen. Einerseits wurde ihre Verbreitung ermöglicht, im deutschen Bürgertum beispielsweise durch Pflanzenausstellungen in Berlin und Potsdam, andererseits entdeckte man, dass exotische Pflanzen nicht nur in eigens dafür gebauten hohen Glasräumen, sondern auch in ganzjährig beheizten kleineren privaten Wohnräumen aufgezogen werden können. (Seemann 1857, 30) Dieser Trend verstärkte sich in den letzten Jahrzehnten: Wie Gerhard Tichy, Gärtner des Wiener Palmenhauses, erklärte (Interview 19.03.2002), waren früher die verbreitetsten Zimmerpflanzen beispielsweise Zimmertanne, Zimmerlinde oder Azalee, also Bewohnerinnen der Nordkuppel des Palmenhauses, wo ein kühleres und feuchteres Klima herrscht. Da aus Kostengründen immer bestimmte Bereiche der Wohnungen ungeheizt blieben, stand den Pflanzen im Winter im Schlafzimmer und in Durchgangsräumen die nötige Kühlphase zur Verfügung. Mit steigendem Wohlstand und der Verwendung von Zentralheizungen, verschwanden diese Lebensräume. Bei einer konstanten Temperatur von 20° Celsius entstehen für diese Pflanzen Stresssituationen, die sie auf Dauer nicht ertragen. Heute verbreitete Zimmerpflanzen sind durchwegs in der Südkuppel des Palmenhauses zu finden, da diese geeigneter für die konstant hohen Temperaturen mitteleuropäischer Durchschnittswohnungen sind - und zudem optisch reizvoll.
Während die adeligen Palmenhäuser noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Privatgarten erbaut wurden, war für das Bürgertum das Ausstellen des exotischen Luxus im eigenen Salon wichtig. Dieser sollte durch die verglaste Loggia auch zur Straße hin teilweise einsichtig werden. (Geschichte des privaten Lebens 2000, 349) In jüngster Vergangenheit verreisen BewohnerInnen der nördlichen Hemisphäre nicht nur häufiger in tropische Länder, sie bereichern auch ihre Wohnzimmer mit tropischen Trophäen.
Das Palmenhaus zu Kew wurde einige Jahre nach seiner Fertigstellung zum Nationaleigentum, somit auch für die Bevölkerung zugänglich, das Wiener Palmenhaus war dies von allem Anfang an. Denn es lag im Interesse der Königshäuser, der Bevölkerung die eigene Sammeltätigkeit und damit die weite Verbreitung kaiserlicher und königlicher Forscher und Gesandter zu zeigen. Dadurch wurden nationale Palmenhäuser gleichzeitig zu Stätten botanischer Belehrung oder - je nachdem, zu welcher Tageszeit man sie besuchte - zu Orten der Imagination einer exotischen Welt für alle Untertanen. "Es ist genug gesagt worden, um Alle, die sich mit Palmen beschäftigen, zu überzeugen, daß das große Glashaus im botanischen Garten zu Kew ein der Beachtung im hohen Grade würdiger Raum, ein Lehrsaal ist, wo unendlich viel schätzbare Belehrung erlangt werden kann. In Betreff des Studiums möchten wir mit Bestimmtheit einen schönen, sonnigen Tag anrathen; um aber die Palmen in ästhetischer Hinsicht im günstigsten Lichte zu sehen, sollte man einen trüben oder regnerischen wählen, zumal wenn die Schatten des Abends heranbrechen, - um diese Zeit erscheinen sie am vortheilhaftesten, zum Theil einigen Kew eigenthümlichen Localursachen, hauptsächlich aber dem Umstande zu Folge, daß die meisten Palmen für das Dunkel der Urwälder bestimmt sind und daher, wie manche Gemälde, ein grelles, scharfes Licht nicht wohl vertragen." (Seemann 1857, 28)
Lass Palmen sprechen!
"Es gibt Charaktere unter den Palmen - Charaktere, die es durch ihr ganzes Wesen, wie durch den Einfluss sind, den sie auf die Culturentwicklung des Menschen genommen haben. Gestatten Sie mir, dass ich Ihnen einige von diesen Charakteren in flüchtigen Umrissen vorführe, es knüpfen sich daran vorzugsweise die Tatsachen, welche über die culturhistorische Mission der Palmen angeführt werden können."
(Reissek 1861, 22)
Der Versuch, Palmenarten zu charakterisieren, ist immer auch ein Sprechen über Menschen in kulturellen und sozialen Zusammenhängen. Im 19. Jahrhundert wie heute findet in der Beschreibung ihrer Benutzbarkeit durch und Funktion für Menschen ein wichtiger Bestandteil des botanischen Sprechens über Palmen statt, da "sie so innig mit den Traditionen, der Geschichte, dem Geschick des Bodens, dem sie entsprossen, verwachsen sind, daß es unmöglich ist, von den religiösen, socialen und politischen Zuständen zu reden, ohne mehr oder weniger der Palmen (...) Erwähnung zu thun" (Seemann 1857, 5). Neben den Früchten spielen im alltäglichen Leben auch die Erzeugnisse aus Stamm und Blättern eine große Rolle: Baumaterial für Hütten und Möbel (auch noch heutiger europäischer Wohnzimmer), Material für die Herstellung von Besen, Teppichen, Sonnenschirmen, Spazierstöcken, Fächern und Papier. So wurden im 19. Jahrhundert Palmen einerseits in ihrer funktionalen Beziehung zum physischen Leben der Menschen beschrieben, andererseits aber auch in ihrer Bedeutung für das geistig-religiöse Leben durch den Hinweis auf Verwendungsweisen im Christentum (Palmsonntag) und im Judentum (Laubhüttenfest). Damit wird die Palmengeschichte immer auch zur Geschichte der Menschheit, indem über Funktionsweisen der Palmen im menschlichen Leben in sozial-, wirtschafts- und kulturhistorischer Weise gesprochen wird. Palmen - als Lebewesen, die auch unabhängig von Menschen existieren können - erscheinen so als unverzichtbare Elemente unserer sozialen Gefüge, manchmal sogar als gesellschaftsermöglichend. "Wenige Gewächse haben, wie die Palmen, auf das Wohl und Weh ganzer Völkerschaften eingewirkt, und wirken noch heutzutage darauf ein, wenige haben sich inniger als sie mit den Ideen ganzer Stämme verschwistert, und eine selbstständige Gedankenrichtung derselben begründet, wenige sind wie sie zu Motiven einer tiefsinnigen Symbolik, eines religiösen Cultus, eines künstlerischen Schaffens geworden." (Reissek 1861, 4) So gab etwa für den Palmenforscher Berthold Seemann die unterschiedliche Benennungspraxis von Palmen sogar Auskunft über den Zustand des Denkens einer Nation. (Seemann 1857, 16f.) Die Entwicklung von "Collectivnamen" für Pflanzen und ihre Gruppierung in unterschiedliche Gattungen erfordert schon einen hohen Abstraktionsgrad des Denkens. So gäbe es laut Seemann in "barbarischen" Ländern zwar spezifisch vernakulare Namen für einzelne Pflanzen, übergeordnete Gattungsnamen aber entstünden erst in "zivilisierten" Ländern. "Wenn wir daher Völker oder Personen finden, die einen allgemeinen oder Collectivnamen für die von uns Palmen genannten Gewächse ersinnen oder sich dessen bedienen, so deutet dies im volksthümlichen Leben auf einen Schritt vorwärts zur vollkommenen Kenntniß derselben, einen Schritt, dessen Wichtigkeit kaum hoch genug angeschlagen werden kann. Es zeigt sich klar, daß sie angefangen haben, darüber nachzudenken, und dies grade ist die geistige Stimmung, welche die Männer, die aus Wahl oder Pflicht das Amt der öffentlichen Belehrung übernommen haben, hervorzurufen wünschen." (Ebd., 17)
Neben dieser Beschreibung funktionaler Verknüpfungen der Palmen mit sozialen Strukturen gibt es eine zweite Form der Parallelisierung von Pflanzen- und Menschenformationen. Diese geht von der äußeren, formalen Betrachtung der Pflanzen aus. Mit Carl von Linnés Klassifizierung von Pflanzen, die als Grundlegung der Botanik gilt, kommt in der Beschreibung von Stamm, Blättern, Blüten und Früchten der Palmen und ihrer Wachstumsbedingungen die Betrachtung von Palmen als aristokratischen Lebewesen auf. Das Verhältnis der Pflanzen untereinander wird dabei immer durch menschliche Sozialstrukturen hindurch gedacht. So wird den Pflanzen ein menschenähnliches (moralisches) Handeln unterstellt und sie werden als gesellschaftlich-hierarchisches Gefüge geordnet. "Der große Ahnherr der systematischen Botanik, der unsterbliche Linné, hat die Palmen die Fürsten des Pflanzenreiches genannt. Er hat damit einen Namen und ein Bild geschaffen, das für immerwährende Zeiten Geltung haben wird. In der That lässt sich die Stellung der Palmen unter den übrigen Pflanzen nicht treffender bezeichnen. Wo immer die Palme in typischer und unverkümmerter Gestalt auftritt, unterscheidet sie sich durch ihre Haltung und Tracht von allen andern sie begleitenden Gewächsen. Schon dadurch, dass ihr Stamm, ohne sich zu verästen, immerfort zur Höhe strebt, und sein Blätterdiadem stolz emporhebt, ohne es je abzulegen, ist der Palme ein eigenthümlicher Stempel aufgedrückt. Die Palme liebt es ferner isolirt zu stehen, und weit ausblickend zur Ferne, die Landschaft zu beherrschen. Es gibt nur wenige Palmen, die gesellig, gleich den Bäumen unserer Wälder wachsen. Im Walde selbst richtet sich die Palme gern über das Gewirr der sie umgebenden Bäume auf, und schaut der Sonne frei in's Antlitz. Hochstämmige, geradewüchsige Palmen verschmähen es, im Schatten anderer Bäume zu stehen." (Reissek 1861, 4f.)
Soziale und gesellschaftliche Einschreibungen in botanische Beschreibungen von Pflanzenkörpern thematisiert auch die Wissenschaftshistorikerin Londa Schiebinger. Sie untersucht in ihrem Buch Am Busen der Natur. Erkenntnisse und Geschlecht in den Anfängen der Wissenschaft (1995) Einschreibungen von Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern sowie sexueller Metaphern in Carl von Linnés Klassifizierung der Pflanzen und zeigt, dass "er (...) die Natur durch die Brille der sozialen Verhältnisse [interpretierte]" (Ebd., 34). Schiebinger analysiert, wie weit gesellschaftliche Konventionen und Vorstellungen von (menschlichen) Geschlechterrollen und Sexualverhalten die Botanik des 18. Jahrhunderts prägten: So betrieb Linné einerseits eine "Sexualisierung" der Pflanzen, in dem er ihnen männliche und weibliche Attribute zuwies und sexuelle Metaphern verwendete, gleichzeitig schrieb er in der damaligen bürgerlichen Gesellschaft fest verankerte Vorstellungen vom Geschlechterverhältnis und vom "gebührlichen" Verhalten von Männern und Frauen in seine Darstellungen der Pflanzen ein.
Die Beschreibung der geschlechtlichen Fortpflanzung der Blütenpflanzen lehnte sich soweit an die gesellschaftlichen Bilder von legitimierten heterosexuellen Beziehungen an, dass sich beispielsweise zahlreiche BotanikerInnen lange Zeit weigerten anzuerkennen, dass es Pflanzen gibt, die männliche und weibliche Teile gleichzeitig haben - diese wurden dann auch "hermaphroditisch" genannt (Schiebinger 1995, 41). Die geschlechtliche Vermehrung der Pflanzen wurde als "Vermählung" bezeichnet, Linné nannte die Staubbeutel "Ehemann", den Stempel "Ehefrau", die auf "Brautbetten" "Hochzeit feiern". Linné war sogar "der Ansicht, die Pflanzen hätten - im vollen Wortsinn - Geschlechtsverkehr" (Ebd., 42). Bei der Beschreibung desselben (durch Erasmus Darwin) wurde den männlichen Teilen ein Orgasmus zugeschrieben, den weiblichen jedoch keinerlei Erregung. Dafür wurde bei den weiblichen Geschlechtsorganen ein Hymen "entdeckt".
Die "sexuellen Beziehungen" der Pflanzenteile spielten sich bei Linné zudem fast ausschließlich im Rahmen der Ehe ab. Eine weitere Kategorie seiner Klassifizierung der Pflanzen leitet sich nach der Art der "Eheschließung" ab: Je nachdem ob sie "öffentlich" oder "heimlich" geschlossen wurde. Im 18. Jahrhundert waren diese beiden Formen der Ehe in weiten Teilen Europas auch durchaus üblich - unter Menschen allerdings.
Mit seinen moralischen Ansprüchen an die "Sexualität" der Pflanzen war Linné keineswegs allein: So lehnte John Amman Linnés System ab, weil "die große Ansammlung von Männern um ein und dieselbe Frau so gar nicht zu den Gesetzen und Sitten unseres Volkes paßt." (Ebd., 53) Die sich gerade im Zeitalter der Aufklärung verändernden Aspekte von Sexualität und Geschlechterverhältnis spiegeln sich in der Taxonomie und der Metaphernsprache der Botanik des 18. Jahrhunderts wider.
So wird den Pflanzen selbst eine an den menschlichen Vorstellungen von Geschlechterrollen oder Herrschaftsformen orientierte Organisation unterstellt. Berthold Seemann steht Linnés Metapher von den Palmen als Fürsten zunächst kritisch gegenüber: "Man hat die Palmen ‚Fürsten des Gewächsreiches' genannt. So poetisch dieser Titel Manchem klingen mag, ist er dennoch nicht über jede Einwendung erhaben, da er möglicher Weise abstracter Anschauung Zugethane zu der irrigen Annahme verleiten kann, die Palmen ständen, gleich den politischen Oberhäuptern, mit welchen sie parallelisirt wurden, vorzugsweise an der Spitze aller Pflanzen, während sie im Gegentheil, ungeachtet ihrer Schönheit und ihres Nutzens, doch nur eine untergeordnete Stellung in der Reihenfolge organischer Wesen einnehmen, die man unter dem Namen des natürlichen Systems begreift." (Seemann 1857, 8) Doch beginnt er dann in Anlehnung an Linné sich derselben Metaphernsprache zu bedienen, indem er Palmen und Gräser als aristokratische und plebejische Pflanzen hierarchisch voneinander unterscheidet. Allerdings - und dies ist neu im Gegensatz zu Linné - konstruiert er dabei ein Verwandtschaftsverhältnis zwischen Aristokraten und Plebejern, das er im Stil eines aufgedeckten Staatsgeheimnisses verbotener Verhältnisse zwischen Adel und Nichtadel präsentiert. Obwohl er damit dem Geschmack seiner Zeit nach geordneten gesellschaftlichen Verhältnissen widerspricht, stellt Seemanns Freund und Reisekollege Wilhelm Humboldt nach Lektüre des neu erschienenen Palmenbuches anerkennend fest: "Die ‚low connections' mit den plebejischen Gräsern haben Ihren vornehmen aristocratischen Palmen nicht geschadet." (Brief von Wilhelm Humboldt an Berthold Seemann, Berlin, 18.Juni 1855, in: Seemann 1857, x)
Pflanzenreisen - von Cosmopoliten zu Immigranten
Das Sprechen über Pflanzen ist ebenso stark von den Vorstellungen von menschlichen sozialen Systemen geprägt, wie der Umgang der Menschen mit Pflanzen durch Gesellschaftsstrukturen bedingt ist.
"Die Globalisierung hat auch Flora und Fauna erfasst. Pflanzen- und Tierarten reisen ebenso wie Touristen und siedeln sich in fremden Ländern manchmal auch an. Rund 1.350 eingewanderte Tierarten und etwa 600 neue Pflanzen sollen in Österreich bzw. Deutschland bereits heimisch geworden sein. Werden sie zur Gefahr für die einheimischen Arten? Darauf will das neue Feld der Invasionsbiologie Antworten geben." (Franz Zeller, Journalist, in: Dimensionen 18.02.2002) Spricht Berthold Seemann im 19. Jahrhundert davon, "daß bei dieser Familie [der Palmen] kein Cosmopolitismus stattfindet" (Seemann 1857, 21), denn "jede Palme hat meist nur eine sehr beschränkte geographische Verbreitung" (Ebd.), verwendet Franz Zeller das Modell der Globalisierung. Die Vorstellung von "Pflanzengesellschaften" hat sich entsprechend der menschlichen sozialen Strukturen gewandelt. War für Seemann geographische Verbreitung eine Frage des Kosmopolitismus, stellt sich heute in der Biologie das Migrationsproblem.
Ein globalisierter Warenverkehr betrifft auch den Handel mit Pflanzen, so wurden die meisten "fremdländischen Pflanzen in Mitteleuropa" (Franz Zeller, in: Dimensionen 18.02.2002) ursprünglich für den Ziergarten importiert und verwilderten dann. Nur wenige kamen "als blinde Passagiere" (Ebd.) durch den Import von Nutzpflanzen nach Europa. Die Verbreitung unterschiedlicher Tier- und Pflanzenarten ist eigentlich immer in Bewegung, dieser Prozess wurde und wird durch den Menschen allerdings stark beeinflusst.
Das breit gestreute Feld an Assoziationen, das diese Problematik bietet, nützte der Künstler Simon J. Starling in seiner Rückführaktion für Rhododendren (Manifesta 3 2002, 161). Anlässlich einer Ausschreibung für eine Skulptur in einem unter Naturschutz stehenden Heideland in Aberdeenshire (Schottland) entstand das Projekt. Rhododendren wurden vom schwedischen Botaniker Claes Alstroemer 1763 von einer Forschungsreise aus Südspanien nach Schottland mitgebracht. Die Rhododendren der Parkanlage verwilderten und breiteten sich in der schottischen Heidelandschaft stark aus. Dort werden sie als Unkraut angesehen und als Eindringlinge bekämpft. Starling konzipierte also eine "Rettungsaktion", und brachte mit einem roten Volvo 240 Estate (um bei einem schwedischen Überbringer zu bleiben) sieben Rhododendron-Pflanzen zurück nach Südspanien, um sie dort wieder einzupflanzen - und vor der Ausrottung in Schottland zu bewahren. Der Künstler selbst sieht seine Aktion als eine politische Arbeit, die in einem sehr leichten Gestus so schwerwiegende Themen wie Nationalismus, Territorialansprüche und ethnische Säuberungen anspricht. Die Verbindung dieser Themen mit Natur- und Landschaftsschutz macht deutlich, dass diese unterschiedliche Seiten derselben Rhetorik sind, wenn sich eine nationale Kultur auf Land und Landschaft als identitätsstiftend beruft.
Menschliche Gesellschaftsformen bedingen also ökologische Entwicklungen, genauso wie sie das Sprechen darüber prägen.
"Eine bemerkenswerte Eigenschaft unserer naturnahen Pflanzengesellschaften besteht darin, dass sie Neukömmlinge nicht gern aufnimmt, (...) in eine festgefügte Pflanzengesellschaft können diese Neophyten nur sehr, sehr schwer oder gar nicht eindringen." (Walter Strobl, Botaniker, in: Dimensionen 18.02.2002) "Neophyten - so der Fachausdruck für die grünen Zuwanderer - siedeln sich meist dort an, wo Flächen ökologisch ohnehin nicht ganz intakt sind. Zum Beispiel auf überdüngten Wiesen oder anderen nährstoffreichen Arealen, die alles andere als naturnah sind. Der Artenreichtum ist übrigens auf mageren Standorten viel höher als auf fetten. Neophyten halten sich deshalb oft nur während der ‚fetten' Jahre."
(Franz Zeller, in: Dimensionen 18.02.2002)
"Da drängt sich natürlich der Verdacht auf, der in manchen Fällen sicher auch nicht so ganz unbegründet ist, dass hier nicht das eigentlich naturschützerische ökologische Element im Vordergrund steht, sondern eine emotionale Ablehnung von Neuem. (...) Fast alle auffälligen Arten unserer Feldfluren waren in früheren Jahrhunderten die invasiven Arten. Dazu gehören z. B. Feldhase, Rebhuhn, ... Also Arten, die heute auch unter ganz anderen Aspekten als besonders schützens- und erhaltenswert eingestuft werden, das waren früher die Invasoren (...). Die ackerbaulichen Kulturpflanzen sind ja von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen auch keine einheimischen Arten, sondern vom vorderen Orient ursprünglich stammend, sekundär hierher gebracht worden. Wie auch viele Bäume, die unsere heutigen Wälder zusammen setzen, keineswegs identisch sind mit denen, die wir ursprünglich eigentlich als sich selbst eingestellter Bewuchs hier hätten haben sollen."
(Josef Reichholf, Zoologe, in: Dimensionen 18.02.2002)
Wie stark unser Umgang und unser Sprechen über Pflanzen weltanschaulich und ideologisch bestimmt sind, thematisiert auch der Künstler Lois Weinberger. Er beschreibt aber nicht metaphernreich Pflanzen, sondern thematisiert den metaphorischen Umgang mit ihnen. Dabei bricht er nicht mit der Parallelisierung von Pflanzen und Menschen, sondern greift die traditionelle Bewertung von Zentrum und Peripherie in sozialen und botanischen Verhältnissen auf und kehrt sie teilweise um. Weinberger arbeitet mit sogenannten Ruderalpflanzen, das sind jene Arten von Pflanzen, die sich an aufgelassenen Industrieflächen, Rändern und anderen eher unwirtlichen Orten ansiedeln (auch "Unkraut" genannt). Es handelt sich also um Situationen, an denen sich ganz offensichtlich Natur und Kultur überschneiden.
In seinem Projekt "poetische Feldarbeit" (1996), das im Außenraum der neuen Innsbrucker SOWI-Fakultät realisiert wurde, bepflanzte der Künstler einen mit einem Stahlkäfig umgrenzten Raum mit Ruderalpflanzen und Neophyten. Inmitten eines gepflegten Rasens wächst "Unkraut" innerhalb eines Gitters, das zwar Menschen abhält, nicht aber Pflanzen und weggeworfenen Müll. Dieser Raum wird also zu einer Konzentration von Marginalisiertem, Unliebsamem und aus der Öffentlichkeit Verdrängtem. Der Konflikt, der in Innsbruck um diese Arbeit entstand, zeigt vor allem die Angst vor der Verrottung einer gepflegten Anlage, der Verwilderung der gehegten Ordnung und der unkontrollierbaren Verbreitung dieser Verwilderung. Weinberger sieht in diesen Ruderaleinfriedungen ein künstlerisches Agieren "gegen die Ästhetik des Reinen und Wahren, gegen ordnende Kräfte" (Weinberger 2000, 114). Er rückt die Ränder der Wahrnehmung in das Zentrum der Aufmerksamkeit, kaum beachtete, verschmähte Pflanzen werden in ihrer Randexistenz thematisiert und ins Bewusstsein gerückt. Keine Prachtbauten für Pflanzen als Luxusartikel, wie wir "Gartenkunst" kennen, sondern marginalisierte Alltäglichkeiten. Weinberger macht also genau das Gegenteil von Palmenhäusern als Konservierungsstätten: Während diese kostbare Pflanzen unter einer gläsernen Haut einschließen, ermöglicht Weinbergers durchlässige Konstruktion einen Austausch zwischen den ausgestellten "Unkräutern" und ihrer gepflegten Umgebung.
Luxus bleibt Luxus
Heute üben, so der Gärtner Gerhard Tichy, Palmenhäuser vor allem zwei Funktionen aus: Arterhaltung und Volksbildung.
Aussterbende Pflanzenarten können in botanischen Gärten wie dem Palmenhaus erhalten und weitergezüchtet werden. So wurde beispielsweise letztes Jahr eine Erikaart von den Bundesgärten im Belvedere wieder nach Afrika "rück"transportiert und in ihrer ursprünglichen "Heimat" angepflanzt, in der sie ausgestorben war. Palmenhäuser übernehmen hier also museale Funktionen, die an die von "Völkerkunde"sammlungen erinnern: Sie enthalten Exponate, die einer (beherrschten) "fremden Welt" entnommen und nach Mitteleuropa gebracht wurden. Diese repräsentier(t)en hier "Exotik" und konservier(t)en dabei Zustände, die sich vor Ort (durch den Einfluss eben jener, die Museen und Palmenhäuser erbauen ließen) anders entwickelten. Die menschlichen und pflanzlichen BewohnerInnen wurden so vor die Wahl zwischen Anpassung und Untergang gestellt. Heute verfügen nun europäische Sammlungen über die "ursprünglicheren" Ursprünge, die "eigentlichen" Originale. "Exotik" wird in doppeltem Sinne hausgemacht.
Gleichzeitig soll die Öffentlichkeit über Pflanzen informiert werden: SchülerInnen und Erwachsene, TouristInnen und Einheimische, PflanzenliebhaberInnen wie LaiInnen werden als Zielgruppen angesprochen und über Aussehen, Herkunft, Früchte und Verwendung der Pflanzen aufgeklärt.
Vom Prachtbau und materiellen Luxusartikel begüterter Herrscher wird das Palmenhaus zur Volksbildungsinstitution. Hat hier also eine "Demokratisierung" von Luxus stattgefunden?
Vielleicht auf der Ebene der Eigentumsverhältnisse, jedoch nicht, wenn es um den Anspruch auf die Definitionsmacht über die wertvollen Originale im Sinne eines botanischen Wissensdiskurses geht. Exponate "fremder" Länder wurden in die Zentren der Kolonialmächte geholt. Damit wurde eine "Exotik" konstruiert, die an diesen Orten zunächst nur für die HerrscherInnen, dann für die Oberschicht und schließlich öffentlich zugänglich war. Die Gegenstände aus fernen (und mittlerweile auch vergangenen) Welten wurden in den Machtmetropolen kultiviert und ausgestellt. Diesen Artefakten wurde hier der Status von "Originalen" zugeschrieben, während Veränderungen in den "Ursprungsländern" der Pflanzen als "Abweichungen" gelten. Während im Palmenhaus die "ursprüngliche Kultur" blüht, wurden weite Teile der Flora der Ursprungsländer, vor allem durch den Einfluss der Kolonialmächte, zum Verdorren gebracht. Heute springen westliche Palmenhäuser ein, wenn es darum geht, "Originale" wieder in ihrer "Heimat" anzusiedeln.
Aus dem finanziellen und materiellen Luxus, Glasräume und Wärme für Exotik im kalten Europa zu schaffen, wurde der Luxus wissenschaftlich-botanischer Sammellust, fremde Welten auszustellen und "Ursprünge" festzuschreiben.
Literatur:
- Dimensionen 18.02.2002: Staudenknöterich und Bisamratte - Invasoren im Tier- und Pflanzenreich, Hörfunksendung, Ö1
- Lévi-Strauss, Claude, 1973: Das wilde Denken, Frankfurt am Main
- Perrot, Michelle/Guerrand, Roger-Henri, 2000: "Szenen und Orte", in: Michelle Perrot (Hg.), Geschichte des privaten Lebens Bd.4: Von der Revolution zum Großen Krieg [1987], Augsburg
- Reissek, Siegfried, 1861: Die Palmen. Eine physiognomisch-culturhistorische Skizze, Aus den populären Vorträgen der k. k. Gartenbau-Gesellschaft am 19. März 1861, Wien, Wilhelm Braumüller
- Schiebinger, Londa, 1995: Am Busen der Natur. Erkenntnisse und Geschlecht in den Anfängen der Wissenschaft, Stuttgart
- Seemann, Berthold, 1857: Die Palmen. Populäre Naturgeschichte derselben und ihrer Verwandten. Nebst einem vollständigen Verzeichniß aller bisher in unsre Gärten eingeführten Arten, Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann
- Weinberger, Lois, 2000: Verlauf/Drift, Ausstellungskatalog, Wien
- Zabel, Igor, 2000: Manifesta 3. Borderline Syndrome. Energies of Defence, Ausstellungskatalog, Ljubljan
- Mitte Juni erschien zum 120jährigen Jubiläum des Palmenhauses Wien:
- Deimel, Gerhard; Vogl, Kurt (2002): Palast der Blüten - Schönbrunner Palmenhaus, Fotos Ingrid Oberhauser, Verlag Holzhausen
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