sinn-haft

archiv - alle ausgaben der sinn-haft

archiv: nr 13 - luxus

Erfurt, 26. April 2002: Über gesellschaftliche Hintergründe eines Schullehrermassenmords in Deutschland

von Richard Albrecht

"Wissen Sie, was Amok ist ?" - "Amok ?...eine Art Trunkenheit bei den Malaien." - "Es ist mehr als Trunkenheit... es ist Tollheit, eine Art menschlicher Hundswut... (...) Amok, das ist so: Ein Malaie (...) trinkt sein Gebräu in sich hinein... und plötzlich springt er auf, fasst den Dolch und rennt auf die Strasse... rennt gradeaus... ohne zu wissen wohin... Was ihm in den Weg tritt, Mensch oder Tier, das stösst er nieder, und der Blutrausch macht ihn nur noch hitziger... Schaum tritt dem Laufenden vor die Lippen, er heult wie ein Rasender... aber er rennt, rennt, rennt (...) Die Leute in den Dörfern wissen, dass keine Macht einen Amokläufer aufhalten kann... so brüllen sie warnend voraus, wenn er kommt: "Amok ! Amok !", und alles flüchtet... er aber rennt, ohne zu hören, rennt, ohne zu sehen, stösst nieder, was ihm begegnet... bis man ihn totschiesst wie einen tollen Hund oder er selbst schäumend zusammenbricht..." (Zweig 1989, 105-6)

Angesichts emotionaler Ängste und begrifflicher Verwirrungen ist jeder Versuch einer nüchternen Beschreibung und wissenschaftlichen Deutung dessen, was weder voraussetzungs- noch folgenlos in Erfurt am 26. April 2002 geschah, dringlich. Wobei Beschreibung/en als Voraussetzung/en für Erklärung/en notwendig und noch lange keine Rechtfertigung etwa des Erfurter Blutbads sind. Insofern geht es mir auch nicht vordringlich um die Persönlichkeit des 19-jährigen Täters (und mediengängig als "Amokläufer" bezeichneten) Robert Steinhäuser, der als relegierter Schüler des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums ebendort am Donnerstagvormittag des 26.April 2002 maskiert eindrang, mit 71 Schüssen aus seiner Pistole insgesamt 16 Menschen - darunter 13 Lehrer/innen - tötete und sich, nachdem ihn ein Lehrer erkannte, stellte, ansprach, demaskierte und mutig abdrängte, anschliessend selbst erschoss . . . vielmehr geht es um sich auch in dieser Tat destruktiv ausdrückende Wirksamkeiten bekannter gesellschaftlicher Prozesse von Enttraditionalisierung, Bindungslosigkeit und Sinnverlust in der beschleunigten Modernisierung. Sie lassen sich als "Zustände mangelnder sozialer Regelungen" - von Sozialwissenschaftlern seit Emile Durkheims Suizid-Studie (1897) im Fachjargon als Anomie bezeichnet - auffassen, genauer:
"Mit Norm- und Werteverlust einhergehende Bindungslosigkeit vieler einzelner ist auch Ausdruck zeittypischer Individualisierung, Differenzierung und Pluralisierung und damit als Hintergrund in die moderne Sozialwelt strukturell eingelagert: Als 'jeder für sich' ('Individualisierung'), als so undurchschaubar wie unveränderbar erscheinendes Sozialgefüge ('Differenzierung') und als Iss-eh-egal-Gefühl der neuen Wurschtigkeit im alltagsweltlichen Relativismus ('Pluralismus')." (Albrecht 2001, 100)

Kein Amoklauf

Sicherlich hatte der Kolumnist Robert Leicht in einer entscheidenden Hinsicht Recht, wenn er in einem ZEIT-Satz betonte: "Eines gab es in Erfurt nicht: einen Amoklauf" [1]. Denn auch wenn die Chiffren Amok - Amoklauf - Amokläufer nicht zuletzt deshalb so eingängig und suggestiv wirken, weil immer ein archaischer Rest an Unerklärbarkeit, Geheimnisvollem und Rätselhaften in ihnen aufscheint und das Signalwort "Amok" vermutlich aus diesen Gründen immer wieder verwandt werden mag; es fehlten zumindestens zwei entscheidende und konstitutive Momente von Amoktätern: Einmal das ungeplant-rauschafte Element der Tat selbst und zum anderen die überwiegende Zufälligkeit der Opfer.

Das trifft ebenso zu auf eine weitere Chiffre, die immer öfter zur Kennzeichnung dieses und vergleichbarer Ereignisse/s benutzt wird: Massaker. Dieser Begriff ist aus politisch-militärischen Handlungsfeldern vor allem der letzten beiden Jahrhunderte entlehnt und meint meist ideologisch - typischerweise rassisch-ethnisch oder biopolitisch - begründete, politisch begünstigte und militärisch durchgeführte Massentötungen an vorher eindeutig definierten Opfern bzw. Opfergruppen.

Demgegenüber bietet sich zur angemessenen Kennzeichnung auch des Erfurter Ereignisses vom 26.April 2002 die Verbindung zweier weiterer und durchaus geschichtlich neuer Formen individuellen Vernichtungshandelns einzelner Täter, die zunehmend planvoll ihre Opfer wählen und gezielt töten, an: Einmal der unvorhergesehene - vielleicht sogar unvorhersehbare - plötzliche Mord an zahlreichen Opfern, insofern: "plötzlicher Massenmord". Und zum anderen die zunehmende jugendliche und Schülergewalt im und um den Handlungsort Schule, insofern: "Schulmord".

Zum Zusammenhang des "plötzlichen Massenmords" hat der Saarbrücker Kriminalpsychologe Christoph Paulus 1997/98 [2] ausgeführt, dass diese "privaten" Massenmorde an zumeist Unbeteiligten zu unterscheiden sind von "Amoklauf" und Serienmorden. Paulus führt als ersten Tatfall die Bluttat eines Ex-Marinesoldaten und Studenten in Austin (Texas) an. Dieser ermordete am 31.7.1966 zunächst seine Mutter und seine Frau und setzte dann zu einem Sturmlauf mit Waffe auf dem Campus an, bei dem sechzehn Personen getötet und dreissig weitere, teilweise schwer, verletzt wurden.

Das erste - vom Autor als "Schulmassaker" bezeichnete - Vernichtungsereignis der hier interessierenden Art berichtet Rudolf H. Weiß (2000) aus Levistown (Montana) 1986. Hier war der Mörder 16 Jahre alt. Als der bis um 26.April 2002 in Erfurt opferreichste "Schulmord" gilt die Tat in Littleton (Denver) aus dem Frühjahr 1999 mit fünfzehn Toten. Und als das grauenhafteste Schulereignis in Deutschland wird die Ermordung von acht Schulkindern und zwei Lehrerinnen - darüber hinaus wurden weitere zwanzig Schüler/innen teilweise schwer verletzt - in Volkhoven (Rheinland) angesehen: Ein 42-jähriger Frührentner drang am 11.Juni 1964 in eine Hauptschule ein und mordete mit seinem selbst zusammengebauten Flammenwerfer zuerst die Kinder und dann die beiden Lehrerinnen (mit einer Lanze), bevor er sich durch Pflanzengift selbst richtete.

Im Übrigen gilt bei diesen unfassbar erscheinenden Taten wie bei allen Verbrechen: Ist die Tat erst einmal begangen, wird sie damit unwiderrufbar. Ihr erneutes Vorkommen wird künftig wahrscheinlicher als die Eintrittswahrscheinlichkeit der ersten Tat je war. Nicht zuletzt deshalb müssen "nach Erfurt" gesellschaftliche Bedingungen und soziale Ursachen mehr als bisher interessieren, wenn und weil es darum gehen soll, diese Taten angemessen zu beschreiben, rational zu erklären und wo und wie immer möglich zu verhindern.


Pathologien des gesellschaftlichen Ganzen

Schaut man sich um im bunten Reigen der wissenschaftlichen Ansätze, die "Erfurt" sozial- und handlungstheoretisch erklären wollen und auf "Gesellschaft" als System ausgerichtet sind, dann sind sicherlich zwei bemerkenswert: Einmal der "konservativ"-erziehungswissenschaftliche des Münsteraner Pädagogen Johannes Schwarte und zum anderen der "progressiv"-psychologische von Götz Eisenberg.

Schwartes (1997, 2000) Grundthese zum gegenwärtigen gesellschaftlichen Milieu und sozialen Klima, in denen sich alle speziellen Erziehungs- und allgemeinen Sozialisationsprozesse bewegen (müssen), lautet: Seit etwa zweieinhalb Jahrzehnten gibt es in Deutschland (hier vor allem gemeint der ehemaligen Bundesrepublik) eine so durchgreifende "gesellschaftliche Erziehungsvergessenheit", dass Kinder sich selbst überlassen sind, durch Erziehung namentlich in Familien und durch Eltern (Albrecht 1993) und Sozialisation namentlich durch Lehrer/innen und (Massen-) Medien kaum noch Grenzen erfahren, so dass Entzivilisierung und Rebarbarisierung von Jugendlichen, Heranwachsenden und jungen Erwachsenen mit geringen Scham- und Hemmschwellen bzw. weitgehend ohne diese eine einsichtige Folge allgemeiner Sozialisationsdefizite sind. So versucht dieser Autor auch den empirisch zunehmend auftretenden neuen Tätertyp zu deuten und durch seine gleichsam eruptive Gewalt bis hin zum plötzlich ausrastenden Mord "ohne Motiv und Gewissen" zu kennzeichnen.

Ähnlich wie Schwarte schliesst der Butzbacher Gefängnispsychologe Eisenberg zunächst sowohl an Kulturtheorie und Sublimierungsthese Sigmund Freuds als auch an Hinweise Alexander Mitscherlichs zur "vaterlosen Gesellschaft" (1963) und zur "Momentpersönlichkeit" (1966) im Allgemeinen an, versucht jedoch in den letzten Jahren zunehmend, diese zu einer umfassenden politisch-psychologischen "Diagnose unserer Zeit" auch mit Hilfe seiner Schlüsselmetapher "Kälte" weiterzuführen. Eisenberg (2000, Eisenberg/Gronemeyer 2000) geht davon aus, dass wirtschaftliche Globalisierung und soziale Modernisierung auch in Deutschland in den letzten beiden Jahrzehnten solche Umbrüche schuf und auch die psychische Ausstattung der jungen Generation so nachhaltig veränderte, dass immer weniger Kinder, Jugendliche, Heranwachsende und junge Erwachsene mit ihren Lebenserfordernissen fertig werden, also auch ihr je eignes Leben persönlich-praktisch nicht bewältigen können. Dabei gilt dem Psychologen Eisenberg ein bestimmtes Merkmal auffälliger Persönlichkeiten (das "Borderline-Syndrom") als "sozialpsychologische Signatur" unseres Zeitalters und jeder "Amoklauf" als nach aussen gebrachter Ausdruck ungebändigter Wut und Hassausbrüche männlicher Jugendlicher/junger Männer. (Nach innen gewendete Selbstzerstörungen - etwa als so genannte "Magersucht" - wertet er idealtypisch als entsprechende Destruktionshandlungen junger Mädchen/Frauen)

Bevor sich dieser Autor speziell mit dem von ihm als "Amoklauf" gewerteten Schullehrermassenmord des 26.April 2002 auseinander setzt, hat er seine Thesen zu den ihn interessierenden besonderen Formen "extremer Emotionen" (Klaus Wahl) knapp und prägnant zusammengefasst: Dabei deutet Eisenberg den in den letzten Jahren herausgebildeten Gewalttyp und seine vor allem in Deutschlands westlichen Bundesländern zunehmenden "amokartigen Formen" psychologisch als vagabundierenden "Hass des nazistisch gestörten oder des Menschen mit einer Borderline-Störung", der "neuartige Formen von weitgehend objektloser Erziehungsverwahrlosung" ausdrückt und "auch in seiner Entladung anonym, individualisiert und objektlos ist": Psychologisch gesehen ein "Ich-Erhaltungsmechanismus" und Selbstschutz "gegen eine ständig drohende psychische Fragmentierung, die wie ein seelischer Tod erlebt wird", genauer:
"Eine archaische Wut hält sich dicht unter der Oberfläche auf und bricht bei der kleinsten Zurückweisung und Kränkung durch. Die Deregulierung von Wirtschaft und Gesellschaft geht mit einer psychischen Deregulierung einher, die inhaltslose Flexibilität und Ich-Schwäche zur kollektiven Tugend erhebt und Kollateralschäden in Gestalt von rapsusartigen Gewaltdurchbrüchen nach sich zieht. Wer psychische Strukturen und charakterliche Prägungen verflüssigt, um die Menschen für die gewandelten Funktionsimperative des flexiblen Kapitalismus herzurichten, zerstört jene inneren Zwangsapparaturen gleich mit, die bislang dafür sorgten, dass Aggressionen sich in gesellschaftlich lizensierten Formen entäusserten (...) Was wir gegenwärtig gehäuft antreffen, sind psychisch vermittelte soziogene Erkankungen, die unmittelbar die Pathologie des gesellschaftlichen Ganzen widerspiegeln und weniger Ausdruck einer familiär vermittelten Störung der Kindheitsentwicklung sind."

Explosive Paradoxien der Moderne

Götz Eisenberg (2002a, 2002b) hat in weiteren Annäherungsversuchen an "Erfurt" und die Hintergründe versucht, sowohl die Psychodynamik des Schullerermassenmords als "erweiterten" Suizid einerseits als auch die zeitgeschichtlichen Rahmenbedingungen für dieses neuste deutsche "Selbstmordattentat" (Reuter 2002) andererseits zu beschreiben und zu deuten. Dabei geht es zu Recht um indirekte Folgen und vermittelte Wirkungen des bisher, von der Opferzahl her, zahlenmässig grössten und aktionistisch spektakulärsten "Amoklaufs" vom 11.September 2001 mit seiner realen und symbolischen Bedeutsamkeit. Denk- und sprachanalog zum gegenwärtigen sicherheitspolizeilichen Ansatz betont Eisenberg, dass es auch innerhalb der deutschen Gesellschaft, gleichsam in ihrer Mitte und bisher unauffällig, "Amok-Schläfer" gibt: Äusserlich kaum auffällige menschliche Bomben voller "reinem Hass", die bei geringstem Anlass explodieren können. Und auch Eisenbergs Hinweis auf die Rolle von Massenmedien trifft zu: Dass nämlich allein durch umfassende Medienverwertung des Ereignisses selbst dieses lange vorherrschendes Medienthema war und insofern zugleich bei "anomisch" Ausgegrenzten mit ihrem tödlich aufgestauten Hass als "Modell des Fehlverhaltens" gelernt wurde. Insofern war und ist "Erfurt" weder Beginn und Ende, sondern könnte selbst wiederum bisher zögerliche Imitationstäter und deren Grandiositätsphantasien anregen und auf ihrem praktischen Vernichtungsweg befördern (wie etwa auch "Nanterre" vier Wochen vorher den Erfurter Täter beeinflusst haben könnte: Dort erschoss am 27.3.2002 ein 33-jähriger Mann im Rathaus acht Kommunalpolitiker und verletzte darüber hinaus neunzehn Menschen).

Bei allen psychologisch sensitiven Hinweisen zu Tatablauf, Täterpersönlichkeit und familiärem "Normalmilieu" von/um "Erfurt" verdeutlicht der Autor, dass die "traditionellen Formen sozialer Integration" auch hier nicht wirksam werden konnten, weil alle "Verletzungen im Lebenslauf" des Täters schon zu schwerwiegend waren und seine Entgemeinschaftlichung bereits zu weit fortgeschritten war. Zutreffend akzentuiert Eisenberg die (objektive) "anomische" Lage und den (subjektiven) "Sinnentzug" des Täters. Zugleich verallgemeinert er ein Kernproblem des gegenwärtigen Modernisierungsprozesses:
"Lebensprogramme und Orientierungen von Menschen zerfallen schneller als sie neue hervorbringen können."

Und doch bleibt der Analytiker Götz Eisenberg vage und abstrakt, wenn er im Sinne einer schlechten Unmittelbarkeit aus ökonomischer Weltmarktbezogenheit, Globalisierung und Flexibilisierung seinen neuen allgemein-soziopathischen ("fragmentierten") Identitätstyp als jüngeren - sozial "normalen" - Zeitgenossen herleitet ohne zu bedenken, dass hier einige weitere Faktoren gerade auf der Ebene dichter Beschreibung und verstehender Deutung wesentlich sind: Etwa und als erstes Beispiel das Moment "plötzlicher Entwertung der Person" wie von Elias Canetti für die Inflation in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg betont - was auch die reziproke zunehmende Opferzahl, die für Täter "zählt", verdeutlichen kann. Oder als zweites Beispiel das Moment fehlender sozialer Handlungsfelder und institutioneller Kanalisierungen in einer Gegenwartsgesellschaft wie der deutschen ohne reale soziale Bewegungen für Gerechtigkeit, die revoltische Stimmungen und subjektive Ohmachtsgefühle infolge tief empfundener sozialer Ungerechtigkeit/en und persönlicher Kränkung/en auffangen könnten. (Moore 1978) Oder als drittes Beispiel: Entsprechend dem Doppelcharakter von sozialer Lage und personaler Disposition gibt es tatsächlich Handlungsfallen als "Alternativen, vor die ein Mensch nicht gestellt werden sollte". (Schlesinger 1980, 174) Viertens und als letztes Beispiel zur Verdeutlichung einer Paradoxie unserer Moderne: Je weniger personale Zuwendung einerseits, soziale Gerechtigkeit anderseits empirisch erfahren wird, desto grösser die Sehsucht danach, desto mehr werden "Zuwendung" und "Gerechtigkeit" verklärt und desto bedeutsamer die Institution "Zuwendung" bzw. "Gerechtigkeit".

Unabhängig von diesen - wenigen - kritischen Hinweisen verdeutlicht Götz Eisenberg zumindest richtungweisend dreierlei: Erstens, dass wie beim malayischen "Amoklauf" so auch bei zeitgenössischen "plötzlichen Massenmorden" einzelner Täter, wenn diese sich vorher unauffällig verhielten, zutreffende Verhaltensprognosen nicht möglich sein können, weil das Merkmal "Unauffälligkeit" selbst zu allgemein und damit nicht trennscharf genug ist. Zweitens, dass die allgegenwärtige Mediengesellschaft insofern Täter und Tathandlungen beeinflussen kann, als trotz des eigenen Tods ein Stück schlagzeilenproduzierter Bedeutung geschaffen wird, die Tat also den Täter überlebt. Und drittens: Wenn denn derzeitige gesellschaftliche Lagen und soziale Bedingungen "Anomie" als nicht institutionell regelbare Zustände ebenso hervorbringen wie den neuen Tätertyp des privaten Massenmord-"Schläfers" - dann mag erstaunen, warum es bisher so wenig entsprechende Vernichtungshandlungen wie "Erfurt" - auch, aber nicht nur - in der deutschen Gesellschaft der Gegenwart gibt.

Fehlende Vermittlung von Individuum und Gesellschaft

Als "gelernter" Sozialwissenschaftler der siebziger Jahre möchte ich jenseits aller Aufgeregtheiten und Aktualitäten von und um "Erfurt" auf einen gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang verweisen, ein Grundproblem unseres gegenwärtigen Zeitalters kennzeichnen und im Sinne einer Theorie des Sozialen auf mittlerem Niveau bleiben - also weder den grossen Bogen von Globalisierungsfolgen bis in die psychische Struktur Jüngerer schlagen noch die kleinen Lagen deutscher Familienmilieus nachzeichnen.

Wenn überhaupt die Rede von der Moderne Sinn machen soll, dann soll hier ans Konzept von "abstract society" und "homo duplex" des niederländischen Soziologen Anton Zijderveld erinnert werden:
"Das Bedürfnis nach 'Entäusserung', die Abhängigkeit von ihn sich selbst entfremdenden Institutionen, ist eine Grundbefindlichkeit des Menschen. Der Mensch muss - als auf Kommunikation angewiesenes Wesen - den Bereich seines Bewusstseins und Innenlebens und gleichzeitig damit auch in Richtung auf die Institutionen überschreiten, die sein Verhalten lenken und organisieren. Sobald er sich diesem Kommunikationsprozess versagt, ist er der Gefahr des Manipuliertwerdens ausgeliefert, und zwar nicht nur der Manipulation durch abstrakte Institutionen, sondern auch der Manipulation durch seine eigenen unkontrollierten Emotionen. Der Mensch ist konstitutionell darauf angewiesen, sich im Gleichgewicht zwischen beiden Pole zu halten, zwischen dem privaten Bereich seiner eigenen Leiblichkeit und seines persönlichen Bewusstseins und den traditionellen Strukturen sowie dem Kollektivbewusstsein seiner sozio-kulturellen Umwelt. Wenn der Mensch aufhört, ein homo duplex zu sein, und sich der Manipulation durch die entfremdeten Kontrollapparate der abstrakten Gesellschaft überlässt oder aber sich auf eine antisoziale, von romantischem Absolutheitsstreben erfüllte Individualität reduziert, ist seine Menschlichkeit aufs äusserste gefährdet. (...) Die Demokratie als eine Gesellschaftsform, in der jeder einzelne die Möglichkeit hat, seine Fähigkeiten zu realisieren und ein sinnvolles Leben zu führen, ist nur dort möglich, wo der Mensch homo duplex bleibt und die Kraft und den Willen hat, seine romantischen Sehnsüchte der Rationalität institutioneller Strukturen einzufügen. Die Exaltationen des Absolutheitsstrebens wird er aufgeben müssen, dafür aber die Fähigkeit zum gesellschaftlich schöpferischen Selbstausdruck gewinnen. Der homo duplex ist weder Rebell noch Konformist, sondern ein Wanderer zwischen Konsens und Unzufriedenheit ('Dissens'), der all die Unsicherheiten und Spannungen der demokratischen Gesellschaft auf sich nimmt." (Zijderveld 1972, 145-146)

Dies aktiv handelnd einzulösen ist in den letzten dreissig Jahren erheblich schwieriger geworden. Und zwar nicht wegen dieser oder jener Einzel- oder Besonderheit. Sondern weil sich sozialstrukturell wenigstens zweierlei grundlegend verändert hat: Einmal ging jeder posttotalitäre Gesellschaftsentwurf immer davon aus, dass die Vermittlung von Individuum und Gesellschaft, von Person und Sozialcharakter, grundsätzlich möglich ist und dass hier die wichtige Aufgabe von intermediären Gruppen liegt - z.B. Freiwilligenorganisationen wie Vereinen -, damit der Einzelne nicht wie etwa in totalitär verfassten Strukturen "atomisiert" wird und der Gefahr doppelter Entfremdung, nämlich zu sich selbst und zur ihn umgebenden sozialen Welt, ausgesetzt ist und als "vereinzelter einzelner" (allzu) leicht verzweifelt.

Dass nicht nur in der deutschen Gegenwartsgesellschaft alle herkömmlichen intermediären Gruppen empirisch geschwächt sind - und damit zugleich das allgemeine "institutional setting" -, bedarf nicht erneuten Plausibilitätsvortrags. Und dass bisher keine neuen gesellschaftlichen Einrichtungen (im Sinne von Funktionsäquivalenten), die deren Aufgaben wahrnehmen könnten, konzeptionell in Sicht und wenigstens ansatzweise praktisch erprobt sind, ist ebenso deutlich.

Hinzu kommt ein zweitens wesentliches Strukturelement, das alle entwickelten Gegenwartsgesellschaften bestimmt: soziale Asymmetrie. Der US-amerikanische Soziologe James Coleman (1982) hat bereits von zwanzig Jahren auf innergesellschaftliche Machtverschiebungen zugunsten anonymer Grossorganisationen, den entwickelten (Wohlfahrts-) Staat eingeschlossen, aufmerksam gemacht und damit Prozesse angesprochen, die allgemein die Handlungsmöglichkeiten der lebenden Subjekte einschränken bis hin zur Bedeutungslosigkeit einzelner Individuen. Dies aber meint vor allem auch Entpersonalisierung des gesamten gesellschaftlichen Handlungssystems und betrifft besonders alle "Nachgeborenen", die, wie jede nachrückende Generation, nichts Vorgefundenes blank akzeptieren können, sondern sich - als "Wechselwirkung zwischen dem fertig Gestalteten und dem Suchen nach eignem Ausdruck" (Peter Weiss) - ihre eigene soziale Welt immer erst handelnd erobern muss.

Literatur
  • Albrecht, Richard (1993): "'Patient Familie' - Einblicke in mikrostruktuelle Lagen"; in: K. Böllert / H.-U. Otto (Hg.): Die neue Familie. Lebensformen und Familiengemeinschaften im Umbruch, Bielefeld, S.10-32.

  • Albrecht, Richard (2001): "Gewalt und kein Ende?", in: liberal 43/2.

  • Coleman, James S. (1982): The Asymmetric Society. Syracuse (N.Y.).

  • Eisenberg, Götz (2000): "Gewalt, die aus der Kälte kommt"; in: Frankfurter Rundschau/FR, 8.9.2000.

  • Ders. (2002a): "Die niedergerissenen Grenzen im Innern des Menschen", in: Frankfurter Rundschau/FR, 3.5.2002, S. 7.

  • Ders. (2002b): "Die menschlichen 'Ungeheuer' entspringen unserer Normalität", in: Frankfurter Rundschau/FR, 11.5. 2002, S. 7.

  • Eisenberg, G. und Reimer Gronemeyer (2000): Amok - Kinder der Kälte. Über die Wurzeln vom Wut und Hass, Reinbek.

  • Moore, Barrington jr. (1978): Injustice. The Social Bases of Obedience and Revolt. London.

  • Reuter, Christoph (2002): Mein Leben ist eine Waffe. Selbstmordattentäter - Psychogramm eines Phänomens, München.

  • Schlesinger, Klaus (1980): "Am Ende der Jugend", in: Berliner Traum. Fünf Geschichten, Frankfurt/Main.

  • Schwarte, Johannes (1997): "Gewalttätigkeit als Folge von Sozialisationsdefiziten. Plädoyer für eine staatliche Sozialisationspolitik", in: Aktuelle Fragen der Politik 48, S. 29-45.

  • Ders. (2000): "Entzivilisierung der Kindern und Jugendlichen", in: Neue Ordnung 54/1, S. 1-9.

  • Weiß, Rudolf H. (2000): Gewalt, Medien und Aggressivität bei Schülern. Göttingen.

  • Zijderveld, Anton C. (1972): Die abstrakte Gesellschaft. Zur Soziologie von Anpassung und Protest, Frankfurt/Main. (engl.1970)

  • Zweig, Stefan (1989): Der Amokläufer [1922], in: Der Amokläufer. Erzählungen, Frankfurt/Main.



Tell a Friend!